Geschichte gestern - heute - morgen

Bollacher, Christian:

Schätze, Schächte, Viereckschanzen.
Neueste Rettungsgrabungen im Landkreis Ludwigsburg und ihre archäologischen Ergebnisse.

Vortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 9. Februar 2017.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Drei Beispiele von Rettungsgrabungen im Landkreis Ludwigsburg stellte Dr. Christian Bollacher, Gebietsreferent Archäologische Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, den zahl-reichen Zuhörern beim Historischen Verein vor.

Das Gewerbegebiet Sachsenheim Eichwald Süd hat eine wechselvolle Geschichte: im Zweiten Weltkrieg Militärflugplatz, zuletzt Hunderennbahn. Die vollständige Abbaggerung des Geländes legte Pfostengruben eines Langhauses frei, aber auch jüngere jungsteinzeitliche Gebäude (der so genannten Rössener Siedlung), und einen Friedhof der Urnenfeldzeitlichen Kultur. Die Grabung läuft noch bis März.

In Korntal-Münchingen fanden Archäologen im Bereich der Kornwestheimer Straße Rundgruben der Urnenfelderkultur. Es handelt sich um Erdgruben, die als Vorratsspeicher für Getreide dienten, und die danach als Abfallgruben genutzt wurden. Ein Depot an Bronzeobjekten (Schmuck, Nadeln, Armringe) konnte geborgen werden. Die Bestattungsart deutet auf einen Übergang von der Erd- zur Brandbestattung hin.

Beim Bau des Wasserbehälters Römerhügel in Ludwigsburg wurde bereits 1877 eine Grabkammer entdeckt. Reste einer zweiten Hügelaufschüttung, mit Hilfe von geophysikalischer Prospektion und Bodenradar untersucht, zeigten eine zentrale Grabkammer, die aber nicht ausgegraben wurde. Grabungen außerhalb des Grabhügels führten zur Entdeckung einer keltischen Viereckschanze, mit einem Hauptgebäude und zwei Nebengebäuden. Im Torbereich wurde ein menschlicher Unterkiefer geborgen, möglicherweise von einem Trophäenschädel. Die Viereckschanze wurde später von den Römern in Besitz genommen und besiedelt. Es war nur eine bescheidene Niederlassung, keine villa rustica. Aus der Römerzeit stammen der gemauerte Keller eines Holzgebäudes und Keramik (Schlangentopf). Vollständige Tierskelette von Kühen und Schweinen deuten auf kriegerischen Akt hin (Alemannensturm?). Ein ausgemauerter Brunnenschacht wurde inzwischen bis in eine Tiefe von acht Metern ausgegraben, vermutlich reicht er noch einige Meter tiefer.

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Sonnabend, Holger, Prof. Dr./Schliereke, Martin:

Willkommenskultur im Alten Rom und im modernen Landkreis Ludwigsburg.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 12. Januar 2017.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer


Eine Premiere gab beim Historischen Verein: Erstmals wurde ein Co-Vortrag gehalten, zu einem Thema, das Geschichte und Gegenwart, Ferne (Rom) und Nähe (Ludwigsburg) umfasste. Den historischen Vortrag hielt Professor Dr. Holger Sonnabend von der Universität Stuttgart. Er wertete die Größe und Dauer des Römischen Reiches als Ergebnis gelungener Integration. Die Millionenstadt Rom hatte einen hohen Anteil von Menschen aus dem Orient. Bestimmend für den Zuzug waren weniger Fluchtgründe, vielmehr die Suche nach Arbeit und Aufstiegs-möglichkeiten. Die soziale Durchlässigkeit war nicht durch die ethnische Herkunft beschränkt, es gab keine Stigmatisierung. Rom war ein Erfolgsmodell gelungener Integration, ohne dass es zu einer Überfremdung der römischen Kultur durch den Zuzug aus dem Orient kam. Die Integration gelang zum einen über die Verwaltung. Es existierte eine eigene Magistratur (Prätor peregrinus), die sich um die „Fremden“, also die Einwohner ohne Bürgerrecht, kümmerte. Daneben gab es das Klientelsystem: eine Art „Patenschaft“ der Aristokraten. Die Größe der Klientelschaft verschaffte den römischen Patronen gesellschaftliches Prestige. Im Rahmen der Romanisierung fand eine rechtliche und kulturelle Angleichung statt, unter Beibehaltung ethnischer Eigenheiten. Das römische Bürgerrecht war auch für untere Schichten nach 25 Jahren Militärdienst erreichbar. „Fremde“, also nicht aus Italien Stammende, konnten sogar Kaiser werden (Trajan, Hadrian), trotz mancher Vorbehalte gegen die „Überfremdung“. Dieser Erfolg war möglich, da die Zugewanderten die Möglichkeiten wahrnahmen, die Rom bot.

Die aktuelle Perspektive lieferte Martin Schlierike, Leiter des Fachbereichs „Asylbewerber und Aussiedler“ beim Landratsamt Ludwigsburg. Er stellte die aktuelle Situation im Landkreis vor: Zum einen den sprunghaften Anstieg der Zahl der Asylbewerber. Er skizzierte die verschiedenen Stationen eines Asylbewerbers, die Herkunftsländer, die Zusammensetzung nach Alter und Geschlecht. Die Aufgaben des Landratsamtes umfassen Unterbringung, Leistungsgewährung und Flüchtlingssozialarbeit. Ausführlicher ging Schlierike auf die Willkommenskultur ein. Ohne die aktive Unterstützung durch Ehrenamt und Arbeitskreise für Asyl ist die Integration nicht zu bewältigen. In den 1990er Jahren existierte nur eine rudimentäre Willkommenskultur. Die Wende kam erst in den letzten Jahren. Ehrenamtliche sind vor allem im Bereich der seelisch-emotionalen Integration erfolgreich. Abschließend stellte Martin Schlierike fest, dass Integration eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist.

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Prof. Dr. Ina Ulrike Paul:

König Friedrich I., der Staatsgründer des modernen Württemberg, und die Residenzstadt Ludwigsburg. Eine kritische Würdigung.


Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 10. November 2016.

 Das Herzogtum, Kurfürstentum und Königreich Württemberg lässt sich zwischen den Jahren 1797 und 1816, die die Regierungszeit Friedrich I. (II.) umfassen, als ein Land in Krieg und Krisen bezeichnen. Während dieser Jahre wurde Württemberg dennoch vom "Ländle" zum starken Staat. Das historische Verdienst daran gebührt dem bis heute in Württemberg und darüber hinaus überwiegend negativ beurteilten württembergischen Landesfürsten.  Kurfürst Friedrich I. von Württemberg ging am 5. Oktober 1805 während seiner Ludwigsburger Unterredung mit Kaiser Napoleon, dessen Truppen damals Stuttgart bereits belagerten, das für Württemberg unabwendbare Bündnis mit Frankreich ein. Für das Verhältnis Beider und die Politik Frankreichs gegenüber Württemberg war es bis 1813 entscheidend, dass Napoleon diesen Landesfürsten nicht für einen der schwächlichen, energielosen und unbegabten deutschen Fürsten hielt, von denen es damals so viele gab, sondern für einen ebenbürtigen Gesprächspartner, mit dem er sich als einzigem von den Rheinbundfürsten über seine politischen Pläne austauschte. In den zwei Jahrzehnten zwischen 1799 und 1819 gedieh das kleine Herzogtum Württemberg . Bevölkerung und Staatsfläche verdoppelten sich.Es war außenpolitisch gefestigt, und innenpolitisch über alle alten und neuen Landerwerbungen hinweg vereinheitlicht. Das neue Königreich Württemberg garantierte Religionsfreiheit und Gleichheit vor dem Gesetz. Die administrative Einigung wurde durch die konstitutionelle Einigung des Landes im Verfassungsvertrag vom 19. September 1819 noch gefestigt.  Der Vortrag der Berliner Historikerin Ina Ulrike Paul würdigte die Politik König Friedrich I. von Württemberg (1797-1816) und die Verdienste seiner Regierung kritisch und hob dabei besonders die Rolle der Residenzstadt Ludwigsburg hervor.

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Prof. Dr. Hermann Ehmer:

Reformation in Württemberg - mit Beispielen aus der Region.

Vortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 13. Oktober 2016.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer


Im Vorfeld des Jubiläumsjahres 2017, sowie des Reformationstages (31. Oktober) bzw. des Reformationssonntages (erster Sonntag im November) stellte ein ausgewiesener Kenner des Themas, der ehemalige Leiter des Landeskirchlichen Archivs, Professor Dr. Hermann Ehmer den Verlauf der Reformation in Württemberg vor. Grundsätzlich gilt: Die Reformation setzte sich dort durch, wo die Obrigkeit zustimmte; ein Beweis für die enge Verbindung von Kirche und Politik im 16. Jahrhundert. Ohne den Sieg Herzog Ulrichs in der Schlacht von Lauffen hätte es keine Reformation in Württemberg gegeben. Zur Durchführung der neuen Lehre setzte Herzog Ulrich die beiden Reformatoren Erhard Schnepf und Ambrosius Blarer ein, die im Land umher reisten und die Pfarrer vor die Entscheidung stellten, sich entweder der Reformation anzuschließen oder entlassen zu werden. Ein Sonderfall waren die Klöster. Bei Widerstand der Mönche wurden die Widerspenstigen ausgewiesen; Frauenklöster blieben dagegen zunächst erhalten. Der Kaiser versuchte während des so genannten Interim das Rad der Geschichte zurückzudrehen, ohne Erfolg. Im Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurde die Gleichberechtigung der protestantischen Kirche festgeschrieben. Der Landesherr bestimmte die Konfession. Ulrichs Nachfolger Herzog Christoph organisierte die Kirche neu. Es entstand eine hierarchische Kirchenstruktur, die Visitationen wurden systematisiert, und statt schwankender Pfründen gab es nun „Kompetenzen“, ein festes Gehalt in Geld und Naturalien. Die Reformation betraf nicht nur die Pfarrer, sondern Jedermann durch den neuen Gottesdienst nach dem Vorbild der Prädikantengottesdienste. Die „Große Kirchenordnung“ von 1559 stellte einen Abschluss der Reformation in Württemberg dar. Geregelt wurden darin nicht nur Kirche und Gottesdienst, sondern auch Eherecht, Schulordnungen, und die so genannte Kastenordnung („Sozialgesetzbuch“).

Fazit: Die Reformation in Württemberg wurde nicht mit einem Schlag durchgesetzt, sondern war ein Vorgang, der 25 Jahre gedauert hat, eine ganze Generation.

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Günther Mäule:

Der Zeppelin kommt! Graf Zeppelin und seine Luftschiffe.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 10. März 2016.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Die vielfältigen, zum Teil überraschenden Verbindungen zwischen dem Grafen Zeppelin, seinen Luftschiffen und der Stadt Ludwigsburg stellte Günther Mäule in seinem Vortrag beim Historischen Verein vor.
Die Familien Zeppelin aus Mecklenburg pflegte enge Kontakte mit dem Haus Württemberg. So war es kein Zufall, dass Graf Ferdinand Zeppelin seine militärische Laufbahn an der Kriegsschule in Ludwigsburg begann und in Ludwigsburg in der Wilhelmskaserne stationiert war. Er nahm an den Kriegen von 1866 und 1870/71 teil und erlebte den Einsatz von französischen Fesselballonen während der Belagerung von Paris. Nach seinem Wechsel in den diplomatischen Dienst beschäftigte er sich intensiv mit dem Bau und der Lenkbarmachung von Luftschiffen. Besondere finanzielle Unterstützung erhielt er dabei von der Familie Franck aus Ludwigsburg.
Ab 1900 erfolgten die ersten Flüge der Luftschiffe am Bodensee. Am 5.August 1908 erschien erstmals ein Zeppelin über Ludwigsburg, dokumentiert durch eine Ansichtskarte und Zeitungsartikel. Dieses Luftschiff verunglückte noch am gleichen Tag in Echterdingen. Eine beispiellose Spendenwelle ermöglichte bereits im folgenden Jahr ein neues Luftschiff. Das erste Foto eines motorisierten Luftfahrzeugs über Ludwigsburg zeigt diesen Zeppelin. In Poppenweiler war sogar eine Luftschiffhalle geplant, wurde aber nie realisiert.
Graf Zeppelin blieb sein Leben lang mit Ludwigsburg verbunden, meist in Zusammenhang mit dem Militär. Er starb 1917 in Berlin. Bis heute existiert sein Grab auf dem Pragfriedhof in Stuttgart. In der Stadt Ludwigsburg hat Graf Zeppelin bis heute seine Spuren hinterlassen, von zeitgenössischen Fotos und Zeitungsartikeln in Archiven bis hin zur Zeppelin-Apotheke in der Myliusstraße.

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Berner, Wolfram/Knupfer, Hans-Joachim:

Die letzte Blüte der Bottwarbahn: die Schmalspurbahn Marbach – Beilstein – Heilbronn vor 50 Jahren.

Vortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 11. Februar 2016. 

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Zwei Eisenbahnenthusiasten, Wolfram Berner vom Kreisarchiv Ludwigsburg und Hans-Joachim Knupfer von der Stuttgarter Straßenbahn AG (SSB) stellten in ihrem gemeinsamen Vortrag vor dem Historischen Verein ein Kapitel regionaler Verkehrsgeschichte vor, öffneten aber auch den Blick auf die Gegenwart und Zukunft einer Nebenstrecke durch das Bottwartal. Vor 50 Jahre endete der Betrieb der 1894 eröffneten Schmalspurbahn von Marbach über Beilstein nach Heilbronn, die teils mit Dampf- , später auch mit Diesellokomotiven betrieben wurde. Die Einstellung des Personenverkehrs kam völlig unerwartet. Am 30. September 1966 fand die letzte “reguläre“ Personenfahrt statt. Die erste und einzige Sonderfahrt auf der Bottwartalbahn wurde dagegen noch einen Monat nach der offiziellen Stilllegung der Strecke durchgeführt. Am 31. Dezember 1968 wurde der Güterverkehr eingestellt. Dabei zeigen Beispiele aus Österreich, dass ein moderner Nahverkehr auf Schmalspurbahnen durchaus möglich ist. Mit vielfältigen Aktivitäten wollen die Eisenbahnfreunde die Erinnerung an den „Entenmörder“ aufrechterhalten: Ein Teilstück der ehemaligen Trasse dient heute als Wanderweg. Ein Bahnlehrpfad ist geplant, eine Erinnerungskultur mittels Kleindenkmalen und erklärender Beschilderung. Zu den Erben der Bottwartalbahn gehört - nicht nur in technischer Hinsicht - die Öchsle-Museumsschmalspurbahn Ochsenhausen: Die Denkmal-Lokomotive aus Steinheim, so entschied der Steinheimer Gemeinderat wenige Tage nach dem Vortrag, geht als Dauerleihgabe an den Verein Öchsle-Schmalspurbahn e.V. nach Oberschwaben.r finden Sie die Zusammenfassungen unserer Vorträge.

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Thomas Schulz:

Zwangsehe oder Liebesheirat? Eberdingen und die Gemeindereform der 70er Jahre.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 10.12.2015.

Ein spannendes Kapitel der Gemeindereform stellte Kreisarchiv Dr. Thomas Schulz in seinem Vortrag beim Historischen Verein vor. Die 1968 eingeleitete Gemeindereform ließ in Baden-Württemberg die Zahl der selbständigen Kommunen kräftig schrumpfen. Im heutigen Landkreis Ludwigsburg wurde die Zahl von 78 auf 39 halbiert. Der Zusammenschluss von Gemeinden geschah meist auf freiwilliger Basis, d.h. nach entsprechendem Beschluss durch die Gemeinderäte der betroffenen Kommunen. Eine Ausnahme bildete der gesetzlich bestimmte Zusammenschluss von Eberdingen, Hochdorf und Nußdorf. Eine ursprünglich beabsichtigte Vierer-Lösung (eine Einheitsgemeinde zusammen mit Riet) scheiterte am Widerstand des Hochdorfer Bürgermeisters. Riet entschied sich deshalb für den Anschluss an Vaihingen. Bürgeranhörungen brachten keine Änderung der Positionen. Hochdorf kämpfte weiter um seine Selbständigkeit. Der Zusammenschluss kam daher nicht freiwillig zustande, sondern wurde vom Landtag im „Besonderen Gemeindereformgesetz“ von 1974 beschlossen, gegen den erklärten Willen der betroffenen Gemeinden. Eine Klage aller drei Gemeinden bezweifelte die Verfassungsmäßigkeit der Gemeindereform und beantragte daher ein Normenkontrollverfahren gegen das Reformgesetz. Das Urteil des Staatsgerichtshof anerkannte aber die Verfassungsmäßigkeit und bestimmte zudem den Zusammenschluss der drei Gemeinden zum 20. September 1975. Mit der Wahl eines Bürgermeisters für die neue Gemeinde und der Entscheidung für den Namen „Eberdingen“ für das neue Gebilde war die Gemeindereform auch im Landkreis Ludwigsburg abgeschlossen. (e.v.)

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Kurt Sartorius:

Der Bönnigheimer Pfarrer Christoph Ulrich Hahn – bedeutendster Sozialreformer Württembergs im 19. Jahrhundert.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 12.11.2015.

Kurt Sartorius, bekannt durch das Schwäbische Schnapsmuseum und durch seine Forschungen über Nachgeburten, stellte in seinem Vortrag vor dem Historischen Verein eine heute weitgehend vergessene Persönlichkeit vor, den Bönnigheimer Pfarrer Christoph Ulrich Hahn. Hahn war nach seinem Theologie-Studium in Tübingen 36 Jahre lang als Diakon in Bönnigheim tätig. Dort gründete er ein Internat, das zunächst aufblühte; der strenge Pietismus von Hahn schreckte aber die Eltern der vielen ausländischen Schüler ab. Der Forscher und Schriftsteller Hahn verfasste ein dreibändiges Werk zur „Geschichte der Ketzer im Mittelalter“. Aber statt eine wissenschaftlich-akademische Laufbahn einzuschlagen, wechselte er in die praktische Wohlfahrtsarbeit, die heute als Innere Mission bezeichnet wird. Der Menschenfreund Hahn gründete und leitete den rührigen Wohltätigkeitsverein Besigheim. In Anerkennung seiner Verdienste um das Wohlfahrtswesen wurde er zum Mitglied der Zentralleitung des Württembergischen Wohltätigkeitsvereins ernannt. Als Pfarrer in Heslach bei Stuttgart konnte Hahn seit 1859 regelmäßig an allen Sitzungen der Zentralleitung in Stuttgart teilnehmen. In diese Zeit fällt auch sein Wirken als „Sanitäts-Hahn“. Hahn war Vorsitzender des „Württembergischen Sanitätsvereins“, der ersten nationalen Rotkreuz-Gesellschaft; er wirkte bei internationalen Organisationen mit und nahm bis ins hohe Alter als Vertreter von Württemberg an internationalen Kongressen teil. Hahn war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, die in Württemberg auf dem Gebiet des Wohlfahrtswesens und des Roten Kreuzes gewirkt haben, und seiner Zeit weit voraus. Umso mehr ist es zu verwundern, dass er außerhalb seines engeren Arbeitskreises so schnell vergessen werden konnte.

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Kern, Wolfgang:

 „Die Neckarbrücke zwischen Hoheneck und Neckarweihingen – weggeschwemmt, weggesprengt, neu gebaut“.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 8.10. 2015.


Der Historische Verein konnte für seinen ersten Vortrag im Winterhalbjahr 2015/16 mit dem Neckarweihinger Maler, Grafiker und Objektdesigner Wolfgang Kern einen Referenten gewinnen, der die wechselvolle Geschichte des Neckarübergangs kenntnisreich und anschaulich vorstellte. Schon in keltischer Zeit war der Neckar eine Barriere, aber kein unüberwindbares Hindernis. Es existierte eine Wegverbindung durch die Furt bei Neckarweihingen. Spätestens seit dem Mittelalter verband eine Bootsfähre Neckarweihingen und Hoheneck. Die Verlagerung der Residenz von Stuttgart nach Ludwigsburg hatte weitreichende Folgen auch für den Neckarübergang. Herzog Eberhard Ludwig befahl die Errichtung einer Holzbrücke, um auf direktem Weg leichter in die Jagdgebiete rechts des Neckars zu gelangen. Eine große Flut zerstörte diese erste Neckarbrücke im Juli 1741. Fast zwanzig Jahre später übernahm eine Schiffsbrücke deren Funktion; sie existierte aber auch nur wenige Jahrzehnte. In den folgenden hundert Jahren gab es keinen festen Übergang mehr. Erst die 1862 eröffnete steinerne Brücke schuf eine dauerhafte Lösung, bevor sie bei Kriegsende, am 20. April 1945, gesprengt wurde. Die beschädigte Brücke wurde durch eine Holzkonstruktion provisorisch repariert, bis 1956 eine moderne Spannbetonbrücke eingeweiht werden konnte, an deren Gestaltung Paul Bonatz mitwirkte. Inzwischen ist diese Brücke in die Jahre gekommen. Eine Generalsanierung ist geplant und dann kann hoffentlich eine dauerhafte Lösung des Auto-, Rad- und Fußgängerverkehrs über den Neckar gefunden werden. (e.v.)

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Dr. Albrecht Ernst :

Wilhelm II., der letzte König von Württemberg. Neue Einblicke in sein Leben, sein Denken und seine Politik.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 12.03.2015.

Großen Zuspruch fand der Vortrag von Dr. Albrecht Ernst über den letzten König von Württemberg. Die Kindheit und Erziehung von Wilhelm verliefen in den traditionellen Bahnen. Während seines Studiums der Rechtswissenschaften in Göttingen gewann er im Corps Bremensia zwei Freunde fürs Leben: Detlef von Plato, - er war später Hofmarschall in Arolsen und Stuttgart -, und Gottfried von Reden, er machte später Karriere als Staatsanwalt.
Bei der von Dr. Ernst bei Nachkommen der Briefempfänger wieder aufgefundenen Korrespondenz aus dem Zeitraum von 1868 bis 1920 handelt es sich um eine einzigartige Geschichtsquelle, die landesweit ihresgleichen sucht. Von keinem anderen Monarchen des deutschen Kaiserreiches ist eine solche Fülle vergleichbarer Schriftstücke auf uns gekommen. Die Korrespondenz mit den beiden lebenslangen Freunden ergänzt und korrigiert das traditionelle Bild des eher harmlosen, pflichtbewusst-biederen Monarchen. Es sind sowohl persönlich als auch politisch überaus aufschlussreiche Schriftstücke. Wilhelm vertrat ein anderes, bürgernahes und in vielem auch liberaleres Modell der Monarchie als in den übrigen deutschen Staaten. Er hatte den Mut, diese Form des Königtums auch persönlich zu leben. In den Briefen zeigt sich Wilhelm II. als feinfühliger Mensch, der die Spannungen zwischen der ihm zugedachten Rolle und seiner Person stark empfunden hat. Für sein Wirken, auch für seine Menschlichkeit wurde ihm schon zu Lebzeiten Respekt und Anerkennung zuteil.

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Dr. Manfred Scheck:

„Im Angesicht des Terrors“. Die Vaihinger Bevölkerung als Beteiligte und als Augenzeugen 1933 - 1945.

Vortrag des Historischen Vereins für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 12.02.2015.

Vielgestaltig waren die Reaktionen der Vaihinger Bevölkerung auf die Untaten des Dritten Reichs, mit denen sie in ihrer Stadt konfrontiert wurde. Zum einen waren da die Häftlinge auf Schloss Kaltenstein. Seit 1842 Arbeitshaus für Männer, wurden nach 1933 vor allem kranke „Schutzhäftlinge“ dort untergebracht. Unter der Leitung des fanatischen Nationalsozialisten Christian Walter verschlechterte sich die Haftsituation nach 1937 dramatisch. Über die Aufseher, unter denen es während des Krieges eine Reihe dienstverpflichteter Bürger aus Vaihingen gab, war man über die Vorgänge im Schloss gut unterrichtet. Ab 1943 wurden kranke Zuchthaussträflinge eingeliefert. Die Zahl der Sterbefälle stieg immer mehr, so dass ein eigner Begräbnisplatz notwendig wurde. Bei Kriegsende sollten alle „gefährlichen“ Gefangenen ermordet werden, was jedoch am energischen Widerstand des Vaihinger Polizeikommandanten Georg Grau scheiterte.
Als unentbehrliche Arbeitskräfte kamen Kriegsgefangene in die Stadt. Die Nazis verfuhren allerdings sehr willkürlich; korrekt angewendet wurden die Bestimmungen der Genfer Konvention lediglich gegenüber den anglo-amerikanischen Gefangenen. In Vaihingen geschah dies jedoch nach allem, was wir wissen, auch gegenüber den Franzosen. Zunächst waren sie auf Schloss Kaltenstein, dann in der Stadt selbst untergebracht. An ihren Arbeitsplätzen hatten die Kriegsgefangenen teilweise sogar Familienanschluss, wasnach Kriegsende ihren ehemaligen Dienstherren dankten.
Gegen Ende des Zweiten Weltkrieg erschienen neue Nachbarn: die Organisation Todt (OT), SS und KZ-Häftlinge. Grund dafür war die Anfang März 1944 getroffene Entscheidung, in der Nähe von Vaihingen eine unterirdische Fabrik für die Produktion von Jagdflugzeugen zu errichten. Hunderte von Arbeitern der Organisation Todt wurden in Schulen, Gaststätten und Privatquartieren untergebracht. Für die ausländischen Arbeitskräfte entstand ganz in der Nähe der Baustelle das Lager „Wiesengrund“. Da die vorhandenen Arbeitskräfte nicht ausreichten, forderte die Oberbauleitung 2.000 jüdische KZ-Häftlinge an. Überlebende berichten von Anfeindungen, aber auch von heimlicher Hilfe durch Vaihinger Bürger. Nach der Befreiung des Lagers am 7. April 1945 durch französische Truppen mussten zwangsverpflichtete Bürger bei Aufräumungsarbeiten und bei der Beseitigung der Leichen im KZ mitarbeiten. Noch bis 1948 wurde das städtische Krankenhaus als Sanatorium für ehemalige KZ-Häftlinge betrieben. Die Strafprozesse gegen Wachmannschaften und führende Personen des KZ Vaihingen 1947 in Rastatt fanden offenbar kein Echo in der Bevölkerung. Die Zeit des Wegschauens war gekommen, und es sollten noch einige Jahre vergehen, bis mit den Auschwitz-Prozessen ab 1963 der Bann gebrochen wurde.

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Dr. Andrea Fix

„Georg Kerner - Ein kleiner Schwabe wie ein Vulkan“.

Vortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 8.Januar 2015.

Georg Kerner, der ältere Bruder des bekannteren Justinus Kerner, führte ein Leben „wie ein Abenteuerroman“. Angetrieben von innerer Unruhe und Begeisterungsfähigkeit suchte er in
einer Zeit des Umbruchs geradezu die Gefahr. Am 9. April 1770 wurde Kerner in Ludwigsburg geboren. Mit neun Jahren kam er auf die Hohe Karlsschule, später studierte er Medizin. Er begeisterte sich für die Französische Revolution; in Straßburg wurde er Mitglied der "Gesell-schaft der Freunde der Revolution“. Er sah in Frankreich sein neues Vaterland und zog nach Paris, wo er das Auseinanderdriften von Ideal und Realität erlebte. Im Kampf um Freiheit und Menschenrechte stand er den gemäßigten Girondisten nahe, und musste die Hinrichtung seines Freundes Adam Lux erleben, der die Mörderin von Marat glorifiziert hatte. Kerner floh in die Schweiz, wo er seine politische Arbeit fortsetzte. Zwischen 1795 und 1801 war er ununter-brochen von Italien bis in die Niederlande unterwegs, führte er ein aufreibendes Leben im Kampf gegen den Despotismus. Georg Kerner scheiterte als Diplomat an seinem Temperament („wie ein Vulkan“, so Georg Forster). Ohne Erfolg bemühte er sich um die württembergische Neutralität gegenüber Frankreich. Die französische Politik unter Napoleon stieß ihn ab. Kerner ging nach Hamburg, um sich eine neue Existenz als Kaufmann aufzubauen. Er gab ein politisches Journal heraus, das verboten wurde. Statt „der Bekämpfung der geistigen Gebrechen der Menschheit“ wandte er sich nun der „Bekämpfung körperlicher Gebrechen der Menschen“ zu und ließ sich 1803 in Hamburg als Arzt nieder. Als Reformarzt und Sozialreformer konnte er seine Ideale verwirklichen. Beim Ausbruch einer Typhusepidemie in den Armenvierteln von Hamburg steckte sich Georg Kerner an und starb am 7. April 1812.

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Wolfram Berner:

„Auf schmalen Gleis durch den Kreis“.
Feldbahnen im Kreis Ludwigsburg.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 11.12.2014.

Mit den „Feldbahnen im Kreis Ludwigsburg“ stellte der Archivar und Feldbahn-Enthusiast Wolfram Berner einen bisher weithin unbeachteten Aspekt der Technik- und Wirtschafts-geschichte vor. Als Normalspurweite in Mitteleuropa wird heute das Maß von 1435 mm angesehen. Jedes geringere Spurmaß gilt daher als „Schmalspur“. Feldbahnbetriebe waren Schmalspurbahnen in einfachster Bauform, die jahrzehntelang im Landkreis vor allem in Ziegeleien zum Transport der Rohstoffe aus der Lehmgrube in die Ziegelei eingesetzt wurden, aber auch in Kies- und Sandwerken, bei Baufirmen, und sogar in der Holzmehlfabrik Zinsser in Murr kamen sie zum Einsatz.Temporäre Baufeldbahnen wurden bereits Anfang des 20. Jahrhunderts beim Neckarkanal- und Kraftwerksbau verwendet, in den 1930er Jahren beim Autobahnbau, in den 1940er Jahren beim Projekt „Stoffel“ in Vaihingen/Enz für Rüstungs-betriebe, und nach dem Krieg beim Wiederaufbau des Enzviadukts und der Enzkorrektur.
Rollbahnen waren die einfachste Form der Feldbahnen, mit Handverschub, ohne Lokomotiven; Sie wurden verwendet beim Gipsabbau am Hohenasperg, im Kalkwerk Reischach in Vaihingen-Riet und im Staatlichen Steinwerk Erdmannhausen. Ein Exkurs galt der einzigen Seilbahn im Landkreis, der über zwei Kilometer langen Materialseilbahn vom Neckar zum Bahnhof Beihingen, die bis Mitte der 1920er Jahre existierte, und dem Versuchsstollen der Schwäbischen Gipsverkaufsstelle in Korntal. Seit über 30 Jahren sind Feldbahnen aus dem Landkreis Ludwigsburg verschwunden. Außerhalb von Museen sowie Privatsammlungen sind sie heute fast nur noch in norddeutschen Torfabbaubetrieben im Einsatz.

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Wolfgang Läpple:

"Ludwigsburg im Ersten Weltkrieg.
Alltag in der Garnisonsstadt."

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 13.11.2014

In Ludwigsburg verliefen die ersten Wochen nach dem Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar noch verhältnismäßig ruhig; Veranstaltungen wie eine Leistungsschau und ein Sportfest fanden statt. Nach der Verkündigung des Kriegszustandes herrschte nicht nur Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung, sondern es gab auch Vorbehalte, vor allem bei Bauern und Arbeitern. Neben den Flaggenschmuck nach deutschen Siegen traten immer häufiger Gedächtnisgottesdienste für die gefallenen Soldaten. Württembergische Truppen erlitten überdurchschnittlich große Verluste; allein 900 Gefallene stammten aus Ludwigsburg. Frauen mussten die eingezogenen Männer als Arbeitskräfte ersetzen. Die in Ludwigsburg stationierten Truppenteile wurden an die Front geschickt; im Gegenzug kamen Verwundete und Kriegsgefangene nach Ludwigsburg. In den beiden Militärlazaretten brachen während des Krieges Typhus- und Ruhrepidemien aus. Die Bürger veranstalteten zahlreiche Aktivitäten zugunsten der Verwundeten. Die Versorgungslage der Bevölkerung verschlechterte sich im Laufe des Krieges immer mehr; Lebensmittel mussten rationiert werden Die militärische Niederlage Deutschlands brachte eine Umwälzung der politischen Verhältnisse. Auch in Ludwigsburg bildete sich ein Arbeiter- und Soldatenrat, der aber nur kurze Zeit existierte. Im Rahmen der Demobilisierung kehrten die Truppen in die Stadt zurück, die Kriegsgefangenen verließen sie. Damit endete die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (so der amerikanische Historiker George F. Kennan) auch in Ludwigsburg.

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Dr. Eberhard Fritz:

"Das Schloss in der Einsamkeit.
Herzog Karl Eugen von Württemberg und sein Jagdschloss Solitude. "

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 09.10.2014.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Innerhalb weniger Jahre entstand Schloss Solitude mit seinen weitläufigen Parkanlagen, eines der spektakulären barocken Bauwerke in Deutschland.Die Baugeschichte der  Solitude wurde in verschiedenen Studien weitgehend aufgearbeitet, während über die Nutzung des Schlosses nur sporadisch geforscht wurde. Die Hofdiarien werfen ein Licht auf das höfische Leben im Über-gang vom Barock zur Aufklärung. Der Herzog begleitete die Bauarbeiten an seinem neuen Schloss mit großem Interesse und besuchte ein bis zwei Mal im Monat die Baustelle. Im November 1765 fand mit einer „Jägerfestin“ die erste offizielle Veranstaltung statt, bei der das Schloss in Betrieb genommen wurde. Seine Residenzfunktion erfüllte das Schloss in zweierlei Hinsicht. Wenn der Herzog anwesend war, erledigte er hier die Regierungsgeschäfte und hielt regelmäßig Audienzen ab, bei denen die Untertanen ihre Anliegen vorbringen konnten. Gleichzeitig nutzte Karl Eugen die Solitude als diplomatische Bühne, indem er hier ausländische Gesandte empfing. Eng verbunden war der Herzog mit der „Militärischen Pflanzschule“, die er 1770 auf der Solitude gründete. Seit der Einrichtung der Militärakademie bestritten deren Schüler maßgeblich das Unterhaltungsprogramm für den Hof. Vermutlich bestand die Absicht, langfristig die Sommerresidenz gänzlich auf die Solitude zu verlegen. Stattdessen verlagerte sich die Hofhaltung zunehmend nach Hohenheim und führte zu einer wachsenden Vernachlässigung der Solitude. Als Herzog Karl Eugen im Oktober 1793 starb, ging damit auch für die Solitude eine Epoche zu Ende. Seine Nachfolger nutzten die Anlage nicht mehr. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckten die Einwohner der Region die Solitude als Ausflugsziel. Im 20. Jahrhundert wurde das Schloss mehrmals aufwändig restauriert. Es steht zu hoffen, dass auch künftige Generationen die Mühe auf sich nehmen, das Schloss Solitude als einmaliges Kulturdenkmal zu erhalten.

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Dr. Herbert Hoffmann

„… sehr vorsichtig allem Neuen gegenüber“
Ein Beitrag zur Geschichte Schöckingens aus Anlass der 1200-Jahr-Feier.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 13. März 2014.

In einer Schenkungsurkunde des Klosters Lorsch taucht erstmals der Name „Skeckinga“, also „Schöckingen“, auf. Die 1200 Jahrfeier des kleinsten Stadtteils von Ditzingen war Anlass für Stadtarchivar Dr. Herbert Hoffmann sich intensiv mit der Geschichte dieses Ortes zu befassen und seine Ergebnisse vorzustellen. Schon seit dem Neolithikum siedelten hier Menschen. Kelten, Römer und Alamannen haben ihre Spuren hinterlassen. Im Mittelalter ist über Jahrhunderte hinweg nichts über Schöckingen bekannt. Die Mauritiuskirche ist der erste sächliche Gegenstand aus dieser Epoche. Schriftliche Quellen bringen keine gesicherten Erkenntnisse über Ortsadel und Burg. Von besonderer Bedeutung waren im 15. und 16. Jahrhundert die Herren von Nippenburg. Der Konflikt der katholischen Ortsherren mit dem evangelischen Landesherrn um einen gewilderten Hirsch hatte zum Ergebnis, dass Schöckingen evangelisch wurde. Nachfolger der Nippenburger waren die Freiherrn von Gaisburg-Schöckingen. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts streiften Weltereignisse Schöckingen, von Napoleons Russlandfeldzug bis zu den Ideen der Revolution von 1848.
Im 20. Jahrhundert blieb Schöckingen noch lange Zeit bäuerlich geprägt. Erst der Strom der Flüchtlinge und Vertriebenen - vorwiegend aus Südmähren - führte nach 1945 neben einem raschen Wachstum der Gemeinde zu einer veränderten Sozialstruktur des Dorfes. Eine moderne Infrastruktur entstand. Dies führte aber zu einer Überschuldung, und dadurch letztlich zum Zusammenschluss von Schöckingen und Ditzingen. Ein Teil der Attraktivität bezieht die Ortschaft heute aus dem Umstand, dass man tatsächlich immer „sehr vorsichtig allem Neuen gegenüber“ war.

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Jochen Faber:

"Schlechte Zeiten für Menschlichkeit und Toleranz in Ludwigsburg – wie Menschen in der Stadt nach 1933 in Not gerieten"

 Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 13. Februar 2014.

Jochen Faber von der Stolperstein-Initiative Ludwigsburg stellte in seinem Vortrag unter der Devise „Vergessen wäre gefährlich“ kein leichtes Thema vor.

Zwölf Millionen Menschen wurden Opfer von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, darunter auch etliche Ludwigsburger. Wichtige Quellen sind neben den drei Ludwigsburger Archiven auch Zeitzeugen und Veröffentlichungen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begannen auch in Ludwigsburg Willkür und Terror. Zahlreiche Aktivisten der SPD und KPD wurden im März 1933 verhaftet. Unter ihnen waren auch der kommunistische Stadtrat Wilhelm Bader, der kurz vor Kriegsende im KZ Dachau starb, und Hermann Wißmann, der erste Tote im KZ Heuberg. Wie ein Testlauf für den Massenmord an den europäischen Juden wirkt die Ermordung von Menschen mit Behinderung, wie des zwölfjährigen Albert Imle in Grafeneck, oder von Johanna Grünewald in Hadamar. Besser dokumentiert als die Schicksale von Sinti und Roma oder der Homosexuellen sind die Schicksale von jüdischen Mitbürgern. Das prominenteste Beispiel ist der Fabrikant und Lokalpolitiker Max Elsas; weniger bekannt der gelernte Hutmacher Samuel Szylit. An all diese Opfer des Nationalsozialismus sollen die Stolpersteine in Ludwigsburg erinnern. Ein Ort der Erinnerung soll aber auch der neugestaltete Synagogenplatz werden.

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Albrecht Gühring

 „Treulose und aufrührerische Bösewichter?“
Der Bauernaufstand des „Armen Konrad“ in Marbach und Umgebung vor 500 Jahren.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 9. Januar 2014.

2014 ist ein Jahr der Jubiläen: 100 Jahre Ausbruch des Ersten Weltkriegs und 25 Jahre Mauerfall. Ein wichtiges Jubiläum der Landesgeschichte ist der Aufstand des „Armen Konrad“ vor 500 Jahren. In Württemberg herrschte Herzog Ulrich, ein selbstherrlicher Regent. Seine maßlose und verschwenderische Hofhaltung brachten ihn in finanzielle Schwierigkeiten, die er mit Steuererhöhungen und Verminderung von Maßen und Gewichten zu bekämpfen suchte. Die Untertanen waren darüber aufgebracht und verärgert. Zur Kirchweih strömten am 3. Mai 1514 zahlreiche Menschen nach Marbach. Mehrere Redner stachelten die Menschenmenge auf. Teile der bürgerlichen Oberschicht der kleineren Städte schlossen sich den Unzufriedenen an. Am 7. Juni 1514 trat der Marbacher Städtetag zusammen. 41 Beschwerdepunkte wurden formuliert. Einige Beschwerden betrafen direkt Marbacher Verhältnisse, besonders das „Rennhaus“, ein Renaissance-Schlösschen, und die damit verbundenen Kosten und Unannehmlichkeiten. Verfasser der 41 Artikel war vermutlich der Marbacher Arzt Dr. Alexander Seitz. Bei einer zweiten, größeren Versammlung in Stuttgart wurden die Marbacher Artikel überarbeitet. Auf einer dritten Versammlung entstand daraus der Tübinger Vertrag, das erste Staatsgrundgesetz Württembergs. Gewinner war die Ehrbarkeit, Verlierer waren die kleinen Leute. Unruhen, die im Remstal ausbrachen, wurden militärisch niedergeschlagen. Die Anführer flohen ins Ausland, z.B. Dr. Seitz in die Schweiz. Insgesamt aber war der „Arme Konrad“ eine Aufstandsbewegung, die ohne großes Blutvergießen niedergeschlagen werden konnte. Sie war aber nur das Vorspiel für den großen Bauernkrieg von 1525.

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Alke Hollwedel

Das Ludwigsburg Museum im Wandel.

Vortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 12. Dezember 2013.

Mit zahlreichen Bildern stellte Dr. Alke Hollwedel, die Leiterin des Ludwigsburg Museum, ihr im Mai 2013 wiedereröffnetes Haus vor.  Die Standortwahl für das neue Stadtmuseum zog sich über Jahre hin, bis die Entscheidung zugunsten der Eberhardstraße fiel, wo es sich die Räume mit der Touristinformation und dem Kunstverein teilt. Außen fällt die vornehme Fassadengestaltung durch die weiße Farbe auf, statt des gewohnten Gelbtons der Ludwigsburger Barockhäuser. Die Umbaumaßnahmen, nach Plänen des Architekturbüros Lederer+Ragnarsdóttir+Oei, erforderten im Innern massive Eingriffe in die beschädigte historische (Bau-)Substanz. Der Besucher erhält durch ein Leitsystem Hinweise auf die historische Nutzung der Räume. Frau Dr. Hollwedel nahm die Zuhörer mit zu einem Rundgang durch die vom Museumsgestalter HG Merz entwickelte Dauerausstellung, beginnend mit einer Zeitschleife von der Gegenwart bis zur Grundsteinlegung des Schlosses, und durch die sechs Themenräume: „Guter Fürst“; „Idealstadt“, „Musensitz“, „Neuerfindung“, „Soldatenstadt“ und „Bürgerstadt“. Der Rückblick auf die Museumsgeschichte zeigt, dass die Wurzeln des heutigen Ludwigsburg Museum weit zurückreichen, angefangen bei den Lesegesellschaften des 18. Jahrhunderts. Wie diese will auch das neue Ludwigsburg Museum ein Treffpunkt des geistigen Austausches sein. Ein Ausblick auf das künftige Museumsprogramm beschloss den Vortrag von Frau Dr. Hollwedel. Unmittelbar bevor steht die aktuelle Sonderausstellung „Geschenkt. Sammlungsgeschichten aus dem Ludwigsburg Museum“, die am Sonntag, den 12. Dezember 2013, eröffnet wird. Und im Januar wird der Ausstellungsführer erscheinen.

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Ulrich Krüger:

63 Jahre im Residenzschloss Ludwigsburg
- Erlebnisse und Begebenheiten.

Vortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 14. November 2013.

Ulrich Krüger, seit kurzem im Ruhestand als Schlossverwalter, lockte mit kurzweiligen „Plaudereien“ über sein Leben und seine Arbeit im Ludwigsburger Residenzschloss besonders viele Besucher in den Vortragssaal des Staatsarchivs. Krüger war erst drei Monate alt, als die Familie in die Dienstwohnung im Östlichen Kavalierbau zog. Der Vater war Leiter der Schlossbauverwaltung und hatte daher „Residenzpflicht“. Der Sohn genoss die Winterfreuden im Schlossgarten und lieferte sich, zusammen mit seinen Brüdern, heiße Kämpfe mit den „Tälesbanditen“. Leiter der Schlossverwaltung zu werden, das war nie das Ziel von Ulrich Krüger gewesen. Aber statt Bürgermeister wurde er Nachfolger seines Vaters, für dessen Stelle sich kein anderer Bewerber fand. Mit 22 Jahren war er damit bereits „Boss im Schloss“. Er fand ein „Behördenschloss“ vor, belegt von Staatsarchiv, Flurbereinigung und Staatsgalerie. Erst Jahre später konnte die Devise „Verwaltung raus - Kultur rein“ umgesetzt werden. Davor existierten zum Teil skurrile Nutzungskonzepte für das Schloss, die vom Olympiastützpunkt für die Dressurreiter bis zum Spielcasino reichten. Aber auch große private Kunstsammlungen, von Thyssen bis Guggenheim, waren am Schloss interessiert. Es bedurfte der Sanierung der gesamten Bausubstanz, um die heutige Nutzung zu ermöglichen. Die rückläufigen Besucherzahlen der Anfangszeit haben sich längst in einen breiten Strom von Besuchern gewandelt.
Dies bedeutete nicht nur viel Arbeit, sondern auch vielfältige Erlebnisse und Gegebenheiten. Dazu gehörten die Besuche gekrönter und ungekrönter Staatsoberhäupter, von kleinen Ländern, wie Liechtenstein, bis zu Großmächten, wie Russland oder China. Der Schlosshof war die „gute Stube“ der in Ludwigsburg stationierten Streitkräfte und für hochkarätige Musikereignisse. Manch peinliche oder kuriose Situation hatte Ulrich Krüger in den vergangenen Jahrzehnten als Schlossverwalter zu bewältigen, bevor er nun im kommenden Jahr endgültig Abschied vom Residenzschloss nimmt.

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Dr. Thomas Schulz:

Die Entstehung des Großkreises“ Ludwigsburg. Bemerkungen zur Kreisreform von 1973.

Vortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 10. Oktober 2013.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Ein beherrschendes Thema in der Landespolitik von Baden-Württemberg war vor 40 Jahren die Verwaltungsreform. Bereits 1955 hatte die Landesregierung einen ersten (gescheiterten) Anlauf zu einer Kreisreform unternommen. Die große Koalition unter Hans Filbinger startete Ende der 1960er Jahre einen zweiten Anlauf. Das radikale „Denkmodell“ der Landesregierung sah vor, die Zahl der Landkreise von 63 auf 25, und die Zahl der Stadtkreise von neun auf fünf zu reduzieren. Das Denkmodell löste große Aufregung und heftige Diskussionen aus. Als Reaktion auf den massiven Widerstand wurde die ursprüngliche Schrumpfkur etwas gemildert und 1970 die Zahl der Landkreise auf 35 festgelegt.

Im Umfeld von Ludwigsburg stemmten sich die bedrohten Landkreise Leonberg, Vaihingen und Backnang gegen ihre Auflösung. Verzweifelt wurden Alternativen gesucht, z.B. durch einen neuen Großkreis Vaihingen-Pforzheim. An ihren Grenzen kämpften die Gemeinden um die „Feinabgrenzung“, um Verbleib oder „Umkreisung“. Im östlichen Teil kamen Rielingshausen und Affalterbach neu zum Kreis Ludwigsburg, Kirchberg dagegen wurde dem neuen Rems-Murr-Kreis zugeschlagen. Im oberen Bottwartal fiel die Entscheidung über die künftige Kreiszugehörigkeit der Orte, als nach zähem Ringen Oberstenfeld und Gronau zu Ludwigsburg kamen; Beilstein und Schmidhausen blieben auf eigenen Wunsch beim Landkreis Heilbronn.

Die Verantwortlichen im Altkreis Ludwigsburg hatten stets Verständnis für den Kampf der Kreise Leonberg und Vaihingen um ihren Fortbestand gezeigt. Sie hatten sich weitgehend aus der Diskussion um den künftigen Zuschnitt der Kreise herausgehalten. Dies hat das Zusammenwachsen des neuen „Großkreises“ Ludwigsburg wesentlich erleichtert.

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Rolf Bidlingmaier:

Rokoko im Herzogtum Württemberg?!
V
ortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 15.02.2013

Zusammenfassung Dr. Erich Viehöfer

In Frankreich entstand der zwischen Barock und Klassizismus beheimatete Stil des Rokoko, Das ornamentale Leitmotiv ist die Rocaille, ein muschelartiges, asymmetrisches Ornament.
In Deutschland bildete sich das Rokoko in zwei unterschiedlichen Formen aus. Zum einen ist das höfische Rokoko zu nennen, das den Schlössern der zahlreichen deutschen Fürsten besonderen Glanz verlieh. Eine spezielle Ausprägung stellt das kirchliche Rokoko dar, das in den katholischen Kirchen Süddeutschlands zu höchster Blüte gelangte, aber auch in abgeschwächter Form den protestantischen Kirchenbau prägte. Beide Formen lassen sich in Württemberg nachweisen.
Herausragende Beispiele des höfischen Rokoko finden wir im Neuen Corps de Logis des Ludwigsburger Schlosses, im Neuen Schloss in Stuttgart und im Lustschloss Solitude
Aber auch außerhalb der Residenzstadt gab es Bürger, die die neuen Stilformen in ihren Bauten aufnahmen. Vor allem in der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht, so beispielsweise die von Landbaumeister Johann Adam Groß in Winnenden errichteten Wohngebäude oder das nach seinen Entwürfen erbaute Spital in Nürtingen.
Die einzige in der Zeit des Rokoko neu errichtete Stadtkirche im Herzogtum Württemberg war die Stadtkirche in Wildbad. Als herrschaftliche Kirche hatte sie während des Aufenthalts der württembergischen Herzöge im Wildbad zugleich die Funktion einer Hofkirche. Die anderen Beispiele sind keine Neu-, sondern Umbauten. Bei der Herrenberger Stadtkirche veränderte der neue Kirchturm mit der bis heute stadtbildprägenden Turmhaube den äußeren Eindruck entscheidend. In Ottmarsheim wurde um 1750 das Kirchenschiff einem durchgreifenden Umbau unterzogen. Sowohl das Tonnengewölbe als auch die Empore zeigen reiche Stuckverzierungen. Ein weiteres Beispiel für eine Kirche im Kleid des Rokoko stellt die Remigiuskirche in Bondorf dar. Das Besondere an dieser Kirche sind die Rokokostuckaturen, mit denen das Plafond des Langhauses und die gotischen Chorgewölbe überzogen wurden. In der Nürtinger Stadtkirche schuf der Bildhauer und Schreiner Daniel Hammerbacher aus Rottenburg eine neue Kanzel in den Formen des kirchlichen Rokokos. Im 19. Jahrhundert hatte sich der Geschmack, aber auch die Mentalität gewandelt. Festliches Rokoko passte nicht mehr in eine evangelische Stadtkirche Württembergs. 1896 wurde die Kanzel durch eine andere in neugotischen Formen ersetzt.

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Dr. Nicole Bickhoff

Denn was ich schon habe ausstehen müssen, kann ich nicht genug beschreiben“. Württemberger im Feldzug Napoleons I. gegen Russland. 

Vortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 10. Januar 2013. Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

 
Die Vorgeschichte des Russlandfeldzugs von Kaiser Napoleon begann mit dem Vertrag von Tilsit 1807, durch den Europa zwischen Frankreich und Russland aufgeteilt wurde. Diese Allianz zwischen Napoleon und Zar Alexander zerbrach an der Kontinentalsperre gegen England. Im Februar 1812 erhielt König Friedrich den Befehl Napoleons zu sofortiger Mobilmachung. Württemberg gehörte dem Rheinbund an und war daher verpflichtet Truppen für den Russlandfeldzug Napoleons zur Verfügung zu stellen. Das Kontingent zählte 10.000 Mann Infanterie, 2.300 Mann Kavallerie und 1.000 Mann Artillerie. Durch weitere Verstärkungen wuchs es auf insgesamt 15.800 Mann an. Den Oberbefehl hatte Kronprinz Wilhelm. Der Abmarsch erfolgte am 11. März 1812 von Heilbronn aus. Der erwartungsfrohe Aufbruch wurde bald schon durch Versorgungsschwierigkeiten gedämpft. Der Mangel an Lebensmitteln wurde auf russischem Boden noch prekärer und schon Ende Juni brach die Lebensmittelversorgung völlig zusammen. Kronprinz Wilhelm erkrankte an Ruhr, musste das Oberkommando abgeben, und kehrte im Oktober nach Stuttgart zurück. Die verlustreichen Kämpfe bei Smolensk und Moskau brachten keine militärische Entscheidung. Die französischen Vorbereitungen für den russischen Winter waren schleppend und unzureichend. Beim Abmarsch aus Moskau waren von 15.000 württembergischen Soldaten nur noch 2.300 Mann übrig geblieben. Hunger und Kälte setzten den entkräfteten Soldaten auf dem Rückzug zu. Nur unter großen Verlusten gelang der Übergang über die Beresina auf dem Weg ins litauische Wilna. Dort fielen hunderte Württemberger in russische Kriegsgefangenschaft. Nur knapp 1.000 Soldaten kehrten nach Württemberg zurück.
Die vernichtende Niederlage Napoleons im Russlandfeldzug war der Anfang vom Ende der napoleonischen Ära. Württemberg wechselte die Fronten und kämpfte auf Seiten der Alliierten gegen Napoleon. Die soziale Absicherung der Kriegsinvaliden blieb rudimentär. Seit den 1830er Jahren schlossen sich Russland-Veteranen zu Vereinen zusammen. Überliefert sind 23 Erinnerungswerke; sie stammen meist von Offizieren. Auch zwei Ludwigsburger finden sich unter den Schreibern. Die Bilder des württembergischen Artillerieoffiziers Christian Wilhelm von Faber du Faur sind die wichtigste bildliche Primarquelle einer gigantischen Katastrophe, die zum damaligen Zeitpunkt ohne Beispiel war.
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Dr. Beate Hirt

Die medizinische Fakultät der Hohen Carlschule zu Stuttgart und Schillers dort verfasste medizinische Schriften.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 13.12. 2012.
Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

In Stuttgart sind heute keine Spuren der ehemaligen Hohen Carlschule mehr zu finden. Entstanden war sie aus dem Militärwaisenhaus auf der Solitude, das von Herzog Carl Eugen in eine Militärakademie umgewandelt wurde, wenn auch ohne die Studienfächer Medizin und Theologie. 1781 erhob sie der Kaiser zur Universität. Sie stellte einen Gegenentwurf zur Landesuniversität dar und bedeutete eine Revolution im Hochschulwesen. Denn für die Aufnahme der Eleven war nicht die soziale Herkunft ausschlaggebend, sondern nur die Begabung. Die Hohe Carlschule war vielseitiger als die klassische Universität. Ihre Professoren waren nur der Lehre verpflichtet, nicht der Forschung. Gelehrt wurde im Geiste der Aufklärung, gelebt aber im Geiste des Absolutismus, was sich in einem strikt reglementierten Tagesablauf zeigte.
Eine medizinische Fakultät wurde erst nach dem Umzug von der Solitude nach Stuttgart (1775) eingerichtet. Das Medizinstudium dauerte fünf Jahre, und umfasste auch die Fächer Philosophie und Theologie. Neu und zukunftsweisend war die Integration von handwerklicher und (Hoch-)Schulmedizin. Dies bedeutete einen erheblichen Fortschritt, da die theoretische Medizin noch auf dem Stand von Hippokrates und seiner Säftelehre war.
Friedrich Schiller verfasste während seiner Zeit auf der Hohen Carlschule fünf medizinische Schriften: das Sektionsprotokoll eines vermutlich an Tuberkulose gestorbenen 17-jährigen Kommilitonen, ein eigenhändiges Rezept, das sich nicht exakt datieren lässt, und die acht
einfühlsamen Krankenberichte über einen depressiven Mitschüler namens Grammont aus Mömpelgard.
Für seine medizinische Dissertation benötigte Schiller drei Anläufe. Die erste Doktorarbeit mit dem Titel „Die Philosophie der Physiologie“ lehnten die Fachgutachter als zu spekulativ ab. Auch die zweite, nun rein medizinische Dissertation, über den Unterschied zwischen entzündlichen und fauligen Fiebern wurde abgelehnt. Die dritte Dissertation betitelt „Versuch über den Zusammenhang der Thierischen Natur des Menschen mit seiner Geistigen“ war mit dem Leib-Seele-Problem letztlich eine Neuauflage der ersten. Sie ermöglichte seine Approbation, auch wenn Schiller nur wenig als Arzt tätig war.
Nach dem Tod Carl Eugens, den Schiller zufällig während eines Besuchs in Ludwigsburg, miterlebte, schloss sein Nachfolger sofort die Hohe Carlschule. Dies war nach insgesamt 25 Jahren das unrühmliche Ende einer der ungewöhnlichsten und effizientesten Hochschulen nicht nur ihrer Zeit.

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Liselotte Geib: Auf den Spuren des fränkischen Adelsgeschlechts Thüngen in der „Residenzstadt Ludwigsburg“ und im früheren Land Württemberg.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 08.11.2012.
Nachbericht von Dr. Erich Viehöfer

Die Frage nach dem Stifter des Aussichtsturms am Salonwald war Auslöser der intensiven Beschäftigung von Liselotte Geib mit dem fränkischen Adelsgeschlecht Thüngen.
Wie kam es zu deren Verbindungen mit Württemberg? Erste Kontakte waren bereits im 15. Jahrhundert bei Ritterturnieren in Stuttgart zustande gekommen. Eine herausragende Persönlichkeit war Hans Karl von Thüngen, ein bedeutender Feldherr, der in der Kirche von Freudental begraben wurde. Dort befindet sich ebenfalls die Grablege von Adam Heinrich von Thüngen, Geheimer Rat und Kammerpräsident unter Herzog Eberhard Ludwig. Auch dessen Söhne standen in württembergischen Diensten. Zum Beispiel Karl Christoph von Thüngen, der Erbauer des Heidenheimer Amtshauses in Ludwigsburg, das er weitgehend mit eigenen Mitteln finanzierte; daher trägt es den Namen „Palais Thüngen“. Seit 1776 ist es das Rathaus von Ludwigsburg. Neben dem Bau des Heidenheimer Amtshauses begann er mit der Errichtung eines Privathauses in der Körnerstraße. Bis 1800 blieb dieses Gebäude im Besitz der Familie. Auch sein Schwiegersohn, Heinrich Erhard von Eichelberg, ließ sich in der neuen Residenz nieder und erwarb bzw. baute die Häuser Nr.4 und Nr.6 in der Eberhardstraße. Drei Söhne von Philipp Christoph Dietrich von Thüngen (aus der so genannten Lutzischen Linie) waren im Herzogtum Württemberg in Diensten, teils bei Hofe, teils beim Militär. Hervorzuheben ist von diesen Hans Karl von Thüngen, Oberforstmeister mit Sitz im Osterholz.
Hundert Jahre später wurde Alfred von Thüngen als Pflegefall im Männerheim Salon der Anstalt Karlshöhe aufgenommen. Seine Frau Helene bezog Quartier in der Stuttgarter Straße, um in seiner Nähe zu sein. Nach seinem Tod wurde die älteste Tochter, Charlotte, Oberin im „Neuen Haus“ des Männerheims Salon. 1902, ein Jahr nach dem Tod von Alfred Baron von Thüngen, ging eine Stiftung von 30.000 Mark für die Karlshöhe ein. Sie war mit der Auflage verbunden, einen Aussichtsturm zu bauen, der 1955 dem Ausbau der B 27 zum Opfer fiel. War es Helene von Thüngen, die sich damit für die Pflege ihres Gatten dankbar zeigte? Trotz aller Nachforschungen konnte diese letzte Frage zum Thema Ludwigsburg und Thüngen nicht beantwortet werden.

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Dr. Wolfgang Schöllkopf: „Von der Pomeranzenkirche zur Professorenkanzel. Aus den ersten 100 Jahren Kirchengeschichte(n), von den spannenden Anfängen bis zu Pfarrer Jonathan Friedrich Bahnmaier, dem Professor und Pietist, Patriot und Poet.“

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg
 am 12. November 2009

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Der Theologe und Kirchenhistoriker Dr. Wolfgang Schöllkopf stellte in seinem Vortrag vor dem Historischen Verein, Ludwigsburg als einen Modellfall für Mehrkonfessionalität im 18. Jahrhundert vor, der große Möglichkeiten eröffnete, aber letztlich auf ein „schwaches Geschlecht“ (Schiller) stieß. Am Anfang der Kirchengeschichte von Ludwigsburg stand die „Pomeranzenkirche“. Die Neugründung war in den ersten Jahren nach Oßweil eingepfarrt; dort fanden die Gottesdienste und die Begräbnisse statt. In der Stadt selbst wurden die ersten Gottesdienste im Schloss gefeiert, zum Beispiel im Riesenbau, bis Herzog Eberhard Ludwig 1716 eines der beiden Orangeriegebäude für Gottesdienste zur Verfügung stellte; daher stammt der Name „Pomeranzenkirche“. Nach Fertigstellung der Stadtkirche, zehn Jahre später, wanderte die Kirche vom Schloss auf den Markt. Der Bau der Stadtkirche, nach Plänen des Schlossbaumeisters Frisoni, hatte sich wegen finanzieller Schwierigkeiten lange hingezogen. Sie wurde von der Zivilgemeinde und von der Garnison gemeinsam genutzt. Immer wieder kam es Reibereien zwischen den beiden Gruppen, bis eine eigene Garnisonskirche eingerichtet wurde. Diese zweite Kirche am Marktplatz war ursprünglich für die reformierte Gemeinde gedacht gewesen. Der Rangunterschied zur herrschenden evangelischen Landeskirche manifestierte sich auch in der unterschiedlichen Größe der beiden Kirchenbauten. Als sie nach 18 jähriger Bauzeit fertig gestellt war, wurde sie von den Reformierten nie bezogen, sondern zur Garnisonskirche umgewandelt. Eine zweite Gruppe der mehr oder weniger geduldeten anderen Konfessionen waren die Katholiken. Ihre ersten Gottesdienste fanden im Gartenhaus von Frisoni statt, südlich der Schorndorfer Straße, und ihr Begräbnisplatz war in Öffingen. Verbesserungen gab es unter den katholischen Herzögen von Württemberg. Im 19. Jahrhundert zog dann auch die katholische Gemeinde vom Schloss an den Marktplatz, wo sie die Garnisonskirche zunächst mit benutzte und schließlich ganz übernahm. Die absolute Dominanz der evangelisch-lutherischen Landeskirche endete im neuen Königreich Württemberg. Protestanten und Katholiken waren von nun an gleichgestellt. Nicht nur Ludwigsburg war nun der Schauplatz ganz unterschiedlicher Konfessionen, sondern ganz Württemberg. Zum Sprungbrett auf die „Professorenkanzel“ wurde Ludwigsburg für Jonathan Friedrich Bahnmaier, der 1815 als Professor für praktische Theologie an die Universität Tübingen berufen wurde.

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Unser Vereinsmitglied Wolfgang Läpple hat ein weiteres Buch geschrieben:

"Schwäbisches Potsdam"
Die Garnison Ludwigsburg von den Anfängen bis zur Auflösung
Stadt Ludwigsburg
NEUERSCHEINUNG 2009 zum Jubiläum der Stadt Ludwigsburg.

Mit über 1400 bislang teilweise unbekannten Fotografien und sonstigen Abbildungen sowie
umfangreichem Kartenmaterial.

2 Bände im Schuber · gesamt 1236 Seiten, Fadenheftung.
Stadt Ludwigsburg – Stadtarchiv.
ISBN 3-00-014212-6.
Einführungspreis bis 31.12.2009: € 79,90 danach € 89,90.
Zu beziehen über das Stadtarchiv Ludwigsburg.  Kaiserstr. 14 · 71636 Ludwigsburg · Tel. 07141/910-2412 · stadtarchiv@ludwigsburg.de  oder den Buchhandel

Aus dem Inhalt
Band 1:
Zur Geschichte der Garnison
• Stäbe, Truppenteile und militärische Dienststellen
• Kurzbiografien
• Stadtkommandanten, Gouverneure, Garnison- und Standortälteste
• Stellenbesetzungen Ludwigsburger Truppenteile
• Militärgeistliche
• Pour le Mérite- und Ritterkreuzträger
• Militärmusik
• Militärische Traditionspflege
• Von Ross und Reitern • Zeittafel.

Band 2:
Militärisch genutzte Objekte und Flächen • Verteidigungseinrichtungen
und -maßnahmen bis 1945
• Militärische Erinnerungsstätten
• Straßen- und Flurnamen mit militärischem Bezug
• Militärische Miszellen
• Listen, Tabellen und Diagramme
• Militärische Begriffe.
Mit Orts- und Personenregister, Register der militärischen bzw. militärisch genutzten Objekte, Flächen u. ä. sowie Quellen und Literaturverzeichnis.

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Rund um das Ludwigsburger Schillerdenkmal – stadtbauliche Betrachtungen. Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 8.Oktober 2009

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Zu einer reich bebilderten Zeitreise in einem zentralen Bereich der Stadt lud Dieter Hornig, der ehemalige Stadtplaner von Ludwigsburg, in seinem Vortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg ein.
Der Schillerplatz ist heute keine geschlossene Anlage mehr. Es existieren nur noch wenige grüne Restbestände der Anlage aus dem 19. Jahrhundert. Sein heutiger Zustand ist damit untypisch für Ludwigsburg, wo sich ansonsten die großzügig angelegten Plätze wie an einer Perlenkette aneinander reihen. Im 18. Jahrhundert tummelten sich an der Stelle des heutigen Schillerplatzes Forellen in ausgedehnten Fischteichen. Auf dem Stadtplan von 1839 erscheint erstmals der künftige Platz eingezeichnet. Er stand schon damals etwas im Schatten des viel größeren Arsenalplatzes. Entscheidende Impulse gaben der Bau des Bahnhofs und seine heiß umstrittene Anbindung an die Stadt.
Durch den Bau der Myliustraße entstand eine Sichtachse vom Bahnhof über den Schiller- und Arsenalplatz bis hin zur Stadtkirche. Der Stadtplan von 1873 stellte den Schillerplatz als begrünten Platz dar, auf dem 1881 das Schillerdenkmal errichtet wurde. Danach blieb er ein dreiviertel Jahrhundert nahezu unverändert.
Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war ein Neubau der Kreisparkasse Ludwigsburg am Schillerplatz geplant, der erst 1952 nach einem Architektenwettbewerb verwirklicht werden konnte. Damals erst wurde der Platz von „Wilhelmsplatz“ in „Schillerplatz“ umbenannt.
Die Planungen in den folgenden Jahrzehnten pendelten zwischen seinem Verschwinden in einer Stadtautobahn und seiner Nutzung als verkehrsberuhigte Zone. Ende der neunziger Jahre tauchten neue Pläne auf zur Umgestaltung des Schillerplatzes. Diese sollte zunächst gleichzeitig, später erst im Anschluss an die Umgestaltung der Wilhelmstraße geschehen. Einzelne Pläne sehen sogar die Überbauung des gesamten westlichen Teils des Platzes vor. Die Geschichte des Schillerplatzes ist also noch lange nicht abgeschlossen, sondern er bietet viel Diskussionsstoff für die Zukunft (e.v.).

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Der Historische Verein gedenkt dem 120sten Geburtstag seines ehemaligen Vorsitzenden Oscar Paret.

OSCAR PARET – ein unvergessener Bürger der Stadt

Er wurde vor 120 Jahren am 14. Juni 1889 in Dachtel im ehemaligen Oberamt Calw als zweites Kind des Pfarrers Otto Paret und seiner Ehefrau Edine geb. Wolff geboren. 1892 wurde Otto Paret auf die Pfarrstelle Heutingsheim berufen. So wuchs Oscar Paret im dortigen Pfarrhaus mit mehreren Geschwistern auf. Von 1898 an besuchte er das Gymnasium in Ludwigsburg, wo Oberpräzeptor Belschner sein Interesse für Ausgrabungen und Vorgeschichte weckte. Mit 14 Jahren gründete er einen Altertumsverein. Bis zur Reifeprüfung verbrachte der Gymnasiast einen großen Teil seiner Freizeit in den Sammlungen des Königlichen Naturalienkabinetts im Stuttgart und führte im Auftrag des Konservators Dr. Peter Goessler kleinere Ausgrabungen im Ludwigsburger Raum durch. 1908 begann Oscar Paret ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Stuttgart, blieb aber seinen archäologischen Neigungen treu. Er wurde für eine kurze Zeit ehrenamtlicher Vertreter Peter Goesslers. Auch legte er im Auftrag des in Hoheneck lebenden Fabrikanten Carl von Ostertag-Siegle den dortigen römischen Gutshof „Eglosheimer Burg“ frei.

Dem Architekturstudium schloss Oscar Paret ein Archäologiestudium in Tübingen und Berlin an, das er wegen des Ersten Weltkriegs unterbrechen musste. Nach Rückkehr aus den Schützengräben promovierte er 1919 in Tübingen mit einer Arbeit über pompeijanische Wandmalereien zum Dr. phil. und wurde hierauf Konservator am Landesmuseum Stuttgart. Im gleichen Jahr heiratete er Ida Feldweg und wohnte mit ihr in Stuttgart. Aus der Ehe gingen zwei Söhne und zwei Töchter hervor.

Ende 1930 zog die Familie nach Ludwigsburg. Nach 1933 war der liberale Oscar Paret Pressionen durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. 1939 wurde er eingezogen, dann aber – fünfzigjährig – freigestellt und mit denkmalpflegerischen Aufgaben betraut. Er betrieb u.a. die Verlagerung der reichen Bestände der Württembergischen Altertümersammlung und des Heimatmuseums Ludwigsburg an sichere Orte. Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete Oscar Paret die vor- und frühgeschichtlichen Sammlungen am Landesmuseum. Die Technische Hochschule Stuttgart ernannte ihn zum Honorarprofessor. Er war in vielen Vereinen und Gesellschaften tätig und leitete zwanzig Jahre, nämlich von 1941 bis 1961 den Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg. Oscar Paret entfaltete eine reiche schriftstellerische Tätigkeit. Er gab viele Jahre die „Fundberichte aus Schwaben“ heraus, auch das noch heute lesenswerte Werk „Ludwigsburg und das Land um den Asperg“. Er schrieb die Bücher „Das neue Bild der Vorgeschichte“ und „Württemberg in vor- und frühgeschichtlicher Zeit“, aber auch populärwissenschaftliche Darstellungen wie „Golder der Meisterschmied“ oder „Der Klassenausflug in die Steinzeit“. Ferner verfasste er das Buch „Die Überlieferung der Bibel in Wort und Bild“ und köstliche Jugenderinnerungen.

Oscar Paret war Träger der Bundesverdienstkreuzes und der Bürgermedaille der Stadt Ludwigsburg. Am 27. Juni 1972 ist er – verwitwet – gestorben. Seinen Namen trägt eine Straße in Ludwigsburg - Hoheneck und die Gesamtschule in Freiberg/Neckar.


Auf den Spuren des fränkischen Adelsgeschlechts Thüngen in der „Residenzstadt Ludwigsburg“ und im früheren Land Württemberg.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 08.11.2012

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer 


Die Frage nach dem Stifter des Aussichtsturms am Salonwald war Auslöser der intensiven Beschäftigung von Liselotte Geib mit dem fränkischen Adelsgeschlecht Thüngen.
Wie kam es zu deren Verbindungen mit Württemberg? Erste Kontakte waren bereits im 15. Jahrhundert bei Ritterturnieren in Stuttgart zustande gekommen. Eine herausragende Persönlichkeit war Hans Karl von Thüngen, ein bedeutender Feldherr, der in der Kirche von Freudental begraben wurde. Dort befindet sich ebenfalls die Grablege von Adam Heinrich von Thüngen, Geheimer Rat und Kammerpräsident unter Herzog Eberhard Ludwig. Auch dessen Söhne standen in württembergischen Diensten. Zum Beispiel Karl Christoph von Thüngen, der Erbauer des Heidenheimer Amtshauses in Ludwigsburg, das er weitgehend mit eigenen Mitteln finanzierte; daher trägt es den Namen „Palais Thüngen“. Seit 1767 ist es das Rathaus von Ludwigsburg. Neben dem Bau des Heidenheimer Amtshauses begann er mit der Errichtung eines Privathauses in der Körnerstraße. Bis 1800 blieb dieses Gebäude im Besitz der Familie. Auch sein Schwiegersohn, Heinrich Erhard von Eichelberg, ließ sich in der neuen Residenz nieder und erwarb bzw. baute die Häuser Nr.4 und Nr.6 in der Eberhardstraße. Drei Söhne von Philipp Christoph Dietrich von Thüngen (aus der so genannten Lutzischen Linie) waren im Herzogtum Württemberg in Diensten, teils bei Hofe, teils beim Militär. Hervorzuheben ist von diesen Hans Karl von Thüngen, Oberforstmeister mit Sitz im Osterholz.
Hundert Jahre später wurde Alfred von Thüngen als Pflegefall im Männerheim Salon der Anstalt Karlshöhe aufgenommen. Seine Frau Helene bezog Quartier in der Stuttgarter Straße, um in seiner Nähe zu sein. Nach seinem Tod wurde die älteste Tochter, Charlotte, Oberin im „Neuen Haus“ des Männerheims Salon. 1902, ein Jahr nach dem Tod von Alfred Baron von Thüngen, ging eine Stiftung von 30.000 Mark für die Karlshöhe ein. Sie war mit der Auflage verbunden, einen Aussichtsturm zu bauen, der 1955 dem Ausbau der B 27 zum Opfer fiel. War es Helene von Thüngen, die sich damit für die Pflege ihres Gatten dankbar zeigte? Trotz aller Nachforschungen konnte diese letzte Frage zum Thema Ludwigsburg und Thüngen nicht beantwortet werden.

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Karl Moersch:

 Zum Landesjubiläum.

"Einheimische Mitwirkende bei der Gründung des Südweststaates".

Vortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 18.10. 2012

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

„Man kann aus der Geschichte nur lernen, wenn man sie kennt.“ Nach dieser Maxime lebt
und forscht Karl Moersch seit 50 Jahren in Ludwigsburg. Der ehemalige Politiker (FDP/DVP), Journalist und Sachbuchautor, erlebte die Gründung des Südweststaates als Zeitzeuge mit und forscht dazu in den Archiven.
Drei wichtige Personen im Zusammenhang mit der Gründung von Baden-Württemberg sind mit Ludwigsburg eng verbunden: Nämlich Gebhard Müller, Staatspräsident von Württemberg-Hohenzollern und Ministerpräsident von Baden-Württemberg, ein entschiedener Vorkämpfer für das neue Land. Er lebte schon als Kind in Ludwigsburg, und von 1945 bis 1958 in der Schorndorfer Straße Nr.26. Dann Karl Frank, von 1931 bis 1945 Oberbürgermeister von Ludwigsburg, später Finanzminister von Württemberg-Baden, und Ehrenbürger von Ludwigsburg. Sowie Wilhelm Keil, Abgeordneter der SPD, Präsident der Vorläufigen Volksvertretung und 1949-52 Präsident des Landtags von Württemberg-Baden, ebenfalls ein Ehrenbürger von Ludwigsburg.
In seinem Vortrag räumte Moersch auch mit dem „Märchen von den ungleichen Teilen“ Baden und Württemberg auf. Zwar gibt es keine Baden-Württemberg-Identität, sondern nur Badener, Württemberger, Kurpfälzer etc. Andererseits ist aber kein Wirtschaftsgefälle zwischen den Landesteilen heute mehr erkennbar.
Im 19. Jahrhundert hatte dagegen Baden einen Entwicklungsvorsprung („Musterländle“). Durch den Versailler Vertrag wurde Baden vom Binnen- zum Grenzland. Industriestandorte wurden nach Osten, nach Württemberg verlagert (z.B. Daimler), zu Ungunsten von Baden.
Theodor Heuss hatte bereits 1919 einen deutschen Bundesstaat mit einem einheitlichen Südweststaat gefordert. Seine Vision war aber in der Weimarer Republik an Preußen gescheitert, das an einem eigenen Land Hohenzollern festhielt. Erst nach 1945 konnte auch an die Ideen von 1848 angeknüpft werden und ein „Baden-Württemberg“ gegründet werden.
Einerseits, so Karl Moersch, sollte die Vielfalt im Innern gepflegt werden, andererseits aber nach außen mit einer Stimme gesprochen werden, um dem Südweststaat seine angemessene Bedeutung zu verschaffen.

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Sommerfahrten 2012

Tagesfahrt Samstag, 23. Juni 2012
Mosbach und die Kleine Pfalz
Fachwerk, Schlösser, Kirchen zwischen Neckartal und Odenwald

Als der deutsche König Ruprecht 1410 starb, hinterließ er vier Söhne, die das pfälzische Territorium unter sich teilten. Der jüngste, Pfalzgraf Otto, wählte Mosbach zu seiner Residenz. Die einst staufische Burg ließ er zu einem fürstlichen Schloss ausbauen und förderte die Stadt, die später den Mittelpunkt eines kurpfälzischen Oberamtes bildete.

Die malerische Kreisstadt Mosbach mit ihrer beeindruckenden Fachwerkpracht ist das Ziel unserer diesjährigen Studienfahrt. Als erste Station steht das Tempelhaus in Neckarelz auf dem Programm, eine in dieser Form einzigartige Johanniterburg aus der Zeit um 1300. Es schließt sich ein ausführlicher Rundgang durch Mosbachs Altstadt an. Am Marktplatz fas¬zi-niert der reich ornamentierte Renaissancebau des Palmschen Hauses, eines der schönsten Fachwerkgebäude Deutschlands. Eine Besonderheit birgt auch die mittelalterliche Stifts¬kir-che St. Juliana. Seit 1708 feiern Evangelische und Katholiken ihre Gottesdienste unter einem Dach, doch durch eine Mauer getrennt. Durch frühere Handwerkergassen führt der Weg – vorbei an Brunnen, am Salzhaus und am Synagogenplatz – zum ehemaligen Schloss und zum alten Spital. Um einen herrlichen Blick über die giebelreiche Altstadt aus der Vogel¬schau zu genießen, lohnt sich der Aufstieg auf den 34 m hohen Rathausturm.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen ist die etwas außerhalb gelegene Gutleuthausanlage einen Halt wert. In einem seltenen Ensemble haben sich die einstige Behausung für Le¬pra-kranke, die Herberge für Fremde und die spätgotische Kapelle mit wertvollen Wandma¬le¬rei¬en erhalten. Auf den Vorstufen des Odenwaldes liegt das Dorf Lohrbach. Flankiert von einem mächtigen Torturm zieht das dortige Wasserschloss, das die Kurfürsten von der Pfalz im 16. Jahrhundert errichten ließen, die Aufmerksamkeit auf sich. Von der Hochfläche ins nahe Neckar¬tal zurück¬gekehrt, lädt Prinz Ludwig von Baden nach Schloss Zwingenberg ein, das auf schmalem Bergsporn den Fluss beherrscht. Die imposante Burg, die seit dem 13. Jahr-hundert nachweisbar ist, besticht durch ihr geschlossenes wehrhaftes Gesamtbild, durch den wuchtigen Bergfried, durch Befestigungsmauern und Rundtürme. Baulich geht sie in weiten Teilen noch auf die 1632 ausgestorbenen Herren von Hirschhorn zurück, denen auch die kunstgeschichtlich bemerkenswerten Kapellen zu verdanken sind. Nach einem kurzen Gang zur wildromantischen Wolfsschlucht, die Carl Maria von Weber zu seinem „Freischütz“ inspiriert haben soll, begeben wir uns auf die Rückfahrt nach Ludwigsburg.
Auf der Rückfahrt Zwischenstopp und gemeinsamer Abschluss bei einem Abendessen

Abfahrt: Ludwigsburg Karlsplatz (hinter der Friedenskirche) 8.00 Uhr
Rückkunft: Ludwigsburg. Karlsplatz ca. 20.30 Uhr
Preise: Erwachsene 28,00 €, Jugendliche 18,00 €.
Fahrt, Führung, Eintrittsgelder

Halbtagesfahrt
Samstag, 6. Oktober 2012
nach Marbach am Neckar auf den Spuren von Tobias Mayer

Vor 250 Jahren starb der berühmte Mathematiker, Astronom, Geograph, Kartograph und Erfinder Tobias Mayer in Göttingen (* 1723). Sein Geburtshaus in Marbach ist inzwischen ein interessantes Museum. Zum Jubiläumsjahr führt uns Prof. Armin Hüttermann, der Vorsitzende des Tobias-Mayer-Vereins, durch das Haus. Anschließend machen wir mit Stadtarchivar Albrecht Gühring einen kleinen Stadtspaziergang auf Mayers Spuren und besichtigen dabei auch die Ausstellung zu Johann Tobias Mayer (Sohn) im Marbacher Rathaus.
Zum gemeinsamen Abschluss kehren wir im Gasthaus Ochsen ein.

Treffpunkt: Cottaplatz/Goldener Löwe 14.00 Uhr
Anfahrt: S-Bahn Linie 4 bis Marbach,
Auto L 1100 (Parkplatz Gerberplatz, Bottwartalstraße)
Gemeinsamer Abschluss: Gaststätte Ochsen in Marbach 18.00Uhr
Preise: Erwachsene 9,00 €, Jugendliche 5,00 €.
Führung, Eintrittsgelder

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Prof. Dr.-Ing. E.h. Berthold Leibinger:

 „TRUMPF -Wir machen Maschinen, um Löcher in Bleche zu machen".

Eine rasante Zeitreise durch die Geschichte des Maschinenbauunternehmens.“

Vortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 8. März 2012 im Ordenssaal des Schlosses.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Wie wird aus einem Familienunternehmen ein Global Player? Dieser Frage ging Berthold Leibinger, Aufsichtsratsvorsitzender der Firma Trumpf, in seinem Vortrag beim Historischen Verein nach. Das Maschinenbauunternehmen wurde 1923 als mechanische Werkstatt in Stuttgart gegründet, die Wurzeln reichen dort zurück bis ins 19. Jahrhundert. Nach dem zweiten Weltkrieg profitierte Trumpf vom Ausfall seiner schärfsten Konkurrenz in Ostdeutschland. Die entscheidenden Gründe für den Erfolg waren aber laut Leibinger die Verknüpfung von Innovation und Internationalisierung. Die Entwicklung der ersten Stanz-Nibbel-Maschine der Welt führte zu einer Verzehnfachung des Umsatzes von 1957 bis 1967. Die numerische Steuerung, die Blechbearbeitung durch Computer, brachte einen neuen Schub. Diese neue Maschine kostete zwar fünfmal mehr als die konventionellen, leistete aber auch weitaus mehr. Ein dritter Innovationsschub kam durch den Einsatz der Lasertechnik. Trumpf kauft 1978 den ersten Laser in den USA. Dieser war aber unzuverlässig und teuer, daher wurde ein eigener Laser entwickelt. Der entscheidende Vorteil dieser Technik war, dass Laser trennen und verbinden/schweißen können und damit sehr vielseitig, auch für die Automobilindustrie, eingesetzt werden können. Der Umsatz stieg unaufhörlich. In den vergangenen 50 Jahren wuchs er im Durchschnitt jährlich um 15 Prozent.
Neben diesen Innovationen war die Internationalisierung ein Grund für den rasanten Aufstieg von Trumpf. Internationalisierung heißt: eigene Vertriebs- und Servicegesellschaften im Ausland, ebenso Tochtergesellschaften in der Produktion. Der Standort Deutschland bedeutet für Trumpf zwar die höchsten Produktionskosten weltweit, er bietet aber zugleich die besten Voraussetzungen, wie zum Beispiel die hervorragend ausgebildeten Facharbeiter; gute Voraussetzungen um die zyklischen Krisen in der Maschinenbauindustrie zu bewältigen. Beispielsweise bei der Mitarbeiterführung durch ein bahnbrechendes neues flexibles Arbeitszeitmodell
Berthold Leibinger stellte abschließend fest, dass der Firmenname Trumpf bekannter ist als die Produkte, obwohl die meisten Zuhörer tagtäglich mit Dingen zu tun haben, die mit Hilfe von Trumpf-Maschinen hergestellt worden sind.
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Prof. Dirk Krausse:

Von der Heuneburg nach Ludwigsburg.

Entdeckung, Bergung und aktuelle Untersuchungen des neu entdeckten frühkeltischen Fürstinnengrabs.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 9. Februar 2012.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Im völlig überfüllten Vortragssaal des Staatsarchivs Ludwigsburg stellte beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg Professor Dirk Krausse vom Landesamt für Denkmalpflege die neuesten Ergebnisse des spektakulären keltischen Frauengrabes von der Heuneburg vor.

Bei der Renaturierung der Donau, die unterhalb der Heuneburg fließt, kamen durch das Ausbaggern auch frühkeltische Funde ans Tageslicht und lenkten das Interesse der Archäologen vom Burgberg auf die Donauebene. In einer kleinen Nekropole in der Donauniederung wurde in den Resten eines großen Grabhügels das Grab eines zwei- bis vierjährigen Kindes mit Goldschmuck gefunden. Auf der Suche nach weiteren Nachbestattungen begannen im Jahr 2010 weitere Ausgrabungen. Statt Nachbestattungen fanden die Ausgräber aber das große Kammerschachtgrab aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Die Zentralgrabkammern der keltischen Fürstengräber sind nahezu alle vollständig ausgeraubt. Umso überraschender waren daher erste Goldfunde, die bei den Ornamenten Parallelen zu den Funden im Kindergrab aufwiesen. Dies lässt Rückschlüsse zu auf eine Dynastie, eine Adelsfamilie, die vor 2600 Jahren über die Gegend herrschte. Der Wintereinbruch stoppte die Grabungen. Die Grabungsleitung entschied sich für die Blockbergung des ganzen Grabes. Mit hohem technischem Aufwand wurde der fast 80 Tonnen schwere Block geborgen und auf einem Tieflader nach Ludwigsburg gebracht, wo die Freilegung der Funde in einem Grabungslabor in einem geheim gehaltenen Gebäude weitergehen. Erste Erkenntnisse liegen inzwischen vor: Bei der Hauptbestattung handelt es sich um eine Frau mittleren Alters, mit Schmuckstücken aus Gold, Bernstein und Bronze, sowie um ein weiteres Frauen-Skelett, dieses fast ohne Beigaben. Anders als in Hochdorf gab es keine Eisenfunde, dagegen sind Hölzer und andere organische Materialien durch die feuchte Erde konserviert worden. Ein Teil der Funde wird ab Mitte September bei der Landesausstellung „Die Welt der Kelten. Zentren der Macht – Kostbarkeiten der Kunst“ in Stuttgart erstmals gezeigt werden.
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Dr. Andrea Fix

Über sieben Brücken musst du gehen.
Die Architektur auf den Euro-Scheinen.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 12.01.2012

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Genau vor zehn Jahren wurde der Euro eingeführt. Zusammen mit der Währungskrise war dies der aktuelle Anlass für Dr. Andrea Fix in ihrem Vortrag beim Historischen Verein die Geldscheine genauer unter die Lupe zu nehmen. Der österreichische Designer Robert Kalina hat die Eurobanknoten entworfen. Um keinen Anlass für nationale Eifersüchteleien zu bieten verzichtete man völlig auf Porträts und verwendete statt dessen Motive aus der europäischen Baugeschichte mit ihren länderübergreifenden Baustilen. Auf der Vorderseite sind Fenster und Tore abgebildet - als Zeichen der Offenheit. Auf der Rückseite sind es Brücken - als Zeichen der Verbindung.

Die Architektur ist auf wenige typische Merkmale reduziert, daher ist auf Anhieb eine Zuordnung zu konkreten Bauwerken kaum möglich. Dr. Fix wagte dennoch den Versuch. Die Vorbilder der Fenster und Tore auf der Vorderseite lassen sich noch am ehesten finden: Auf dem Fünf-Euro-Schein ist ein Detail vom Kolosseum in Rom aus der römischen Antike abgebildet. Auf dem Zehn- Euro-Schein ist es ein roma-nisches Kirchenportal aus Österreich (Tulln), beim Zwanzig-Euro-Schein ein Maßwerkfenster der Gotik, wie es erstmals in Frankreich auftrat. Beim Fünfzig-Euro-Schein ist als Symbol für die Renaissance in Italien eine Aedicula als Tür- oder Fensterumrahmung aus der Kirche Il Gesu in Rom gewählt. Nicht eindeutig zuzuordnen sind das hochbarocke Säulenportal mit Atlanten auf dem Hundert-Euro-Schein und die Eisen- und Glasarchitektur des 19. Jahrhunderts auf dem Zweihundert-Euro-Schein. Der Fünfhundert-Euro-Schein zeigt einen Ausschnitt aus dem Gebäude der EU-Kommission in Brüssel.

Wesentlich schwieriger sind die Brücken auf der Rückseite zu identifizieren. Relativ einfach zu erkennen ist der nur leicht verfremdete Pont-du-Gard in Südfrankreich auf dem Fünf-Euro-Schein, während zum Beispiel die Vorbilder der beiden mittelalterlichen Brücken nicht eindeutig zu ermitteln sind. Anders die Victoria-Falls-Bridge in Südafrika auf dem Zweihundert-Euro-Schein: Sie ist ein besonders markantes Beispiel für eine Eisenbahnbrücke, während es für die Schrägseilbrücke auf dem Fünfhundert-Euro-Schein zahlreiche Beispiele in der Euro-Zone gibt.

So kann aus einem Blick in den eigenen Geldbeutel ein faszinierender Gang durch die europäische Kunst- und Kulturgeschichte werden.
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Eduard Theiner:

Hunger, Krieg und Pestilenz. Leben während des 30jährigen Krieges.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 08.12.2011.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Die Ludwigsburger Gegend war für damalige Verhältnisse ein dicht besiedeltes, im Grunde bereits übervölkertes Gebiet. Die Nahrungsdecke war aufs äußerste strapaziert. Um die labile Konjunktur in Teuerung und akute Hungersnot umschlagen zu lassen, genügten schon die Missernten zu Beginn der 1620er-Jahre – ganz zu schweigen von einem dreißig Jahre währenden Krieg. Zunächst blieb Württemberg von seinen unmittelbaren Auswirkungen verschont. Kriege kosten aber Geld, das merkte der kleine Mann nicht nur auf seinem Steuerzettel. Auf den Märkten stiegen die Lebensmittelpreise 1621/22 binnen eines Jahres um mehr auf das Doppelte, zumal gleichzeitig eine massive Münzverschlechterung einsetzte. Immerhin folgten ruhigere Jahre, nachdem sich das Kriegsgeschehen nordwärts verlagerte und Württemberg frei war von feindlichen Truppen, doch überschwemmt von Flüchtlingen. Die Menschen waren geschwächt durch lange Hungerjahre; immer öfter fügten die Pfarrer dem Sterbeeintrag ein lapidares „verhungert“ an. Ungebetene Quartiergäste und mangelnde Hygiene taten ein Übriges: 1626 brach die Pest aus.

1634 aber schien alles gut zu werden. Alles gedieh in jenem Jahr im Überfluss, das Getreide ebenso wie der Wein. Am 6. September 1634 schlug das kaiserliche Heer bei Nördlingen die protestantische Armee vernichtend mit verheerenden Folgen für das nun schutzlose Württemberg. Die großen Schlachten des Krieges waren zwar alle außerhalb Württembergs geschlagen worden; dennoch war das Land am Ende eines der am schlimmsten verwüsteten Gebiete. Die Bevölkerungsverluste waren enorm. So gingen in den Ämtern Höpfigheim, Bietigheim, Markgröningen, Hoheneck und Vaihingen die Bürgerzahlen um 60 bis über 70 Prozent zurück. Nach dem Krieg fehlten daher die Arbeitskräfte. Die Löhne stiegen, aber Ackerland und Weinberge lagen noch lange brach. Beim Weinbau blieb es bei seiner Beschränkung auf die besten Lagen des Unterlandes. Ein hoher Geburtenüberschuss glich die Bevölkerungsverluste bis ums Jahr 1750 aus, zumal die einst periodisch auftretenden Seuchen das Land jetzt weitgehend verschonten. Die Erinnerung traumatisierte eine ganze Generation: „Es werden aber noch KindesKinder mit Schrecken und Zittern sehen und spüren, was der leidige, grundverderbliche Krieg und Unfried für Jammer und Elend mit sich bringe. Wovor uns Gott jezo und hinfüro gnädig bewahren wolle.“
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Dr. Albert Sting:

Das ehemalige „Frauenheim“

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 10. November 2011.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Eine bedeutende soziale und diakonische Einrichtung feierte im Jahr 2011 ihr 175jähriges Bestehen, die „Stiftung Evangelisches Altenheim Ludwigsburg“, heute noch mit dem Namen „Frauenheim“ verbunden.
Bis ins 19. Jahrhundert fand die große Gruppe der abhängig Beschäftigten in der Stadt, also die Dienstboten und Handwerksburschen, keinen Schutz bei Krankheit, Alter oder Berufsunfähigkeit. Das örtliche „Bürgerhospital“ war weitgehend für Hausbesitzer und Steuerzahler reserviert. Für die ebenso schutzlose Gruppe von bereits erkrankten Kindern schuf der Arzt Dr. August Hermann Werner mit seiner Kinderheilanstalt eine beispielgebende Einrichtung.

Im Jahr 1836 wurde ein Verein für ein christliches Krankenhaus gegründet, das sich den bislang Schutzlosen annehmen sollte. Noch im gleichen Jahr konnte die neue Einrichtung in der Schorndorfer Straße 51 eröffnet werden. Sie wuchs rasch, vergrößerte sich durch den Ankauf benachbarter Gebäude und wurde schließlich in „Privatkrankenhaus“ umbenannt. Es war zu jener Zeit das einzige „vernünftige“ Krankenhaus in Ludwigsburg, denn das Bürgerhospital befand sich im Niedergang. Trotzdem zeichnete sich ihr Ende ab, als die Stadt Ludwigsburg ein neues Bezirkskrankenhaus für das ganze Oberamt Ludwigsburg plante. Der Verkauf des „Privatkrankenhauses“ scheiterte an juristischen Hindernissen, so dass das Bezirkskrankenhaus 1900/01 in unmittelbarer Nachbarschaft gebaut wurde. Die Patienten wurden an das neue Krankenhaus abgegeben. Eine neue Zielgruppe wurde gefunden, nämlich alte und kranke Frauen. Aus dem Krankenhaus wurde also ein Altenheim ausschließlich für Frauen. Für die Männer existierte eine vergleichbare Einrichtung auf der Karlshöhe. Den Ersten Weltkrieg überstand das „Frauenheim“ ohne große Probleme und 1940, mitten im Zweiten Weltkrieg, konnte mit dem Kauf der Villa Gerok in der Mömpelgardstraße das „Frauenheim“ nochmals erweitert werden. Die Versuche der Nationalsozialisten die Religionsbindung der Einrichtung aufzuweichen, konnten durch eine Verzögerungstaktik erfolgreich abgewehrt werden. 1962 wurde ein Neubau in der Mühlstraße errichtet und das „Frauenheim“ in „Albert-Knapp-Heim“ umbenannt. Eine Stiftung der Geschwister Cluss machte ein Vierteljahrhundert später den Bau des gleichnamigen Heims hinter dem Gerokheim möglich. Heute werden alle drei Einrichtungen von der „Stiftung Evangelisches Altenheim Ludwigsburg“ betrieben und in ihnen modernste Altenhilfe praktiziert. Das Ursprungsgebäude an der Schorndorfer Straße wurde abgerissen und durch ein modernes Wohnhaus ersetzt. (e.v.) 
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Dr. Joachim Brüser:

Herzog Carl Alexander von Württemberg und die Landschaft (1733-1737).

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 13.10.2011.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

An historischer Stätte, im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses, hielt Dr. Joachim Brüser seinen Vortrag über Herzog Karl Alexander.

Der Herzog genießt einen schlechten Ruf in Württemberg als Marionette seines Finanzministers Süß-Oppenheimer und als Vorkämpfer einer Rekatholisierung von Württemberg.

Karl Alexander absolvierte eine schnelle militärische Karriere: Er wurde Gouverneur der Festung Landau, dann Statthalter von Serbien mit Sitz in Belgrad. Seine Konversion zum Katholizismus geschah nicht aus Karrieregründen, erregte aber das streng protestantische Württemberg. Trotzdem wurde sein Regierungsantritt nach dem Tod Eberhard Ludwigs zunächst freudig begrüßt. Der neue Herzog begann mit der Sanierung der Staatsfinanzen durch Steigerung der Einnahmen und Reduzierung der Ausgaben. In diesem Zusammenhang wurde der Bau von Schloss Ludwigsburg eingestellt und die Residenz zurück nach Stuttgart verlegt. Politisch orientierte sich Karl Alexander am Kaiser, und strebte nicht mehr eine Neutralität Württembergs zwischen Kaiser und Frankreich an, wie sein Vorgänger. Wenige Konflikte gab es in der Kirchenpolitik; ein katholischer Umsturz war nie geplant.
Karl Alexander versuchte sich von den Fesseln des Tübinger Vertrags zu lösen. Er plante nichts weniger als einen Umbau des Staates. Die Landschaft sollte nicht mehr Mitregent sein, sondern nur noch beratendes Gremium. Auf dem Weg Württemberg in einen absolutistischen Musterstaat zu verwandeln starb Karl Alexander völlig überraschend, vermutlich an einem Schlaganfall. Im Ordenssaal wurde er aufgebahrt, nur wenige Schritte vom Rednerpult entfernt.
Die Landschaft nützte die Gunst der Stunde und übernahm in einer Art Staatsstreich die Macht. Anders als im Testament bestimmt wurde ein Herzogadminstrator statt des Bischofs Schönborn von Würzburg eingesetzt. Sämtliche Maßnahmen des Herzogs wurden aufgehoben. Als Stellvertreter für den toten Herzog wurden seine Regierungsmitglieder abgestraft, insbesondere Süß-Oppenheimer. Dieser hatte nur einen sehr beschränkten Einfluss auf den Herzog gehabt. In politischen Angelegenheiten beriet der Fürst sich mit Bischof Schönborn, in militärischen Fragen mit Prinz Eugen. Von den alten Regierungsmitgliedern war nur Süß-Oppenheimer ohne Rückhalt, deshalb wurde er Opfer eines Justizmordes.
Fazit: Karl Alexander war ein sehr erfolgreicher Fürst, er setzte sich in fast allen Punkten gegen die Landschaft durch. Nur sein plötzlicher Tod ließ seine Pläne scheitern. Einige seiner Vorhaben wurden erst im 19. Jahrhundert realisiert, wie die Steuerreform und die Gleichstellung der Katholiken.
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Dr. Manfred Scheck:
Leben und Sterben im Spiegel des Vaihinger Totenbuchs 1609-1788.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 10. März 20011

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Kirchenbücher sind ein Quellenbestand der einerseits weit verbreitet, andererseits aber besonders spröde ist. Dr. Manfred Scheck zeigte aber in seinem Vortrag vor dem Historischen Verein, dass wir sehr viel über Leben und Sterben in der Vergangenheit daraus erfahren können. Das im Jahre 1609 angelegte Vaihinger Totenbuch stellt insofern eine Besonderheit dar, da es eines der wenige Dokumente ist, das den großen Stadtbrand überstand, der Vaihingen im Jahr 1693 heimsuchte. Der Informationsgehalt der einzelnen Einträge ist sehr unterschiedlich, er reicht von dem kargen Hinweis auf Beerdigungstag und Namen eines Menschen bis hin zur Kurzvita. Die Einträge des Totenbuches zeugen von den zahlreichen politischen Wirren und den verheerenden Kriegszeiten, von denen die Menschen betroffen wurden und denen sie schutzlos ausgeliefert waren, ohne dass diese Ereignisse direkt angesprochen werden. Die Herkunft der Toten aus allen Teilen Deutschlands und aus dem Ausland lassen mehrere Flüchtlingswellen erkennen, zum Beispiel während des Dreißigjährigen Krieges, und die Sterblichkeit war derart hoch, dass die Eintragungen nur noch lauten: 6 Arme, 5 Arme usw.
Im Totenbuch finden sich Informationen zum Heiratsverhalten, Fruchtbarkeit und Mortalität. Die Kindersterblichkeit betraf in erster Linie die Kinder vor Erreichen des zweiten Lebensjahrs; es handelt sich also eher um „Säuglingssterblichkeit“. Die statistische Auswertung zeigte damals schon eine höhere Lebenserwartung der Frauen. Die Bezeichnungen der Krankheiten, die zum Tode führten, geben leider keinen eindeutigen Aufschluss, denn entweder werden nur Symptome beschrieben oder allgemeine Befunde mitgeteilt. Eindeutiger und für den heutigen Leser sicherlich besonders interessant sind Todesfälle, bei denen wir etwas über Todesumstände von Menschen erfahren, die nicht im Bett starben, sondern Opfer von Unfällen und Streitereien wurden. Auch die Begräbnisse unterlagen gewissen Moden; so wurden nächtliche Begräbnisse in Vaihingen bis 1760 immer mehr üblich, bis sie wieder ganz verschwanden.

Um das Original künftig zu schonen und die Forschung zu fördern, wurde das Totenbuch in langjähriger Arbeit von Heidemarie und Manfred Scheck editiert und in der Reihe der Beihefte der Schriftenreihe der Stadt Vaihingen an der Enz herausgegeben.

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Herbert Paul, Armin Krüger:
"Kelten am Hohenasperg" Grabhügel und Siedlungen, keltische Eisentechnonogie und –kunst.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 10. Februar 2011

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Den „Kelten am Hohenasperg“ galten zwei Vorträge an einem Abend beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg, der außerordentlich großes Interesse fand. Im ersten Vortrag gab Herbert Paul einen allgemeinen Überblick über die Geschichte des Kelten. Standen sie früher im Schatten von Germanen und Römer, so sind durch den Jahrhundertfund des Fürstengrabs von Hochdorf auch die Kelten in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Die Bezeichnung „Kelten“ tauchte erstmals um 500 v. Chr. bei griechischen Historikern auf, wobei sie eine Sprachengruppe, kein einzelnes Volk, bezeichnete. Ihr Kerngebiet lag in Süddeutschland und Ostfrankreich. Von dort aus stießen sie vom 5. bis 3. vorchristlichen Jahrhundert bis ans Schwarze Meer vor. Die Kelten trieben einen regen Handel, vor allem mit den Griechen und Etruskern. Sie importierten Wein, Olivenöl und Schmuck gegen Eisenwaren und Sklaven. Die Kelten bildeten eine Hochkultur, wenn auch ohne eigene Schrift. Neben weilerartigen Siedlungen existierten bereits erste Städte, so genannte Oppida. Um 250 v. Chr. erreichten sie ihre größte Ausbreitung, dann wurden sie allmählich in die Randgebiete Europas (Schottland, Irland) zurückgedrängt. Geblieben sind aber zum Beispiel die keltischen Namen für Flüsse, vom Rhein bis zur Murr.

Gab es „Eisenfürsten“ am Hohenasperg, fragte Armin Krüger im zweiten Vortrag. Auffallend viele Eisenfunde wurden um den Hohenasperg gemacht, Eisenerz kommt aber dort nicht vor. Das nächste Vorkommen von Brauneisenerz existiert im Nordschwarzwald, im Raum Neuenbürg. Zuerst musste das Eisenerz zerkleinert, dann mit Holzkohle verhüttet werden. Im Raum Neuenbürg wurden über 20 „Rennöfen“ gefunden. Der Transport geschah in Form von „Doppelspitzbarren“ entlang der Enz bis zum Hohenasperg, wo das Eisen zu Waffen (vor allem Schwertern) und Werkzeugen (wie z.B. der eisernen Pflugschar) verarbeitet wurde. Die keltische Kunst entstand im Umfeld des Hohenasperg. Anfangs importierten die Kelten aus den Mittelmeerländern, dann wurden eigene Luxusgüter hergestellt. Die Funde vom „Kleinaspergle“, wie die goldenen Trinkhornenden und die Schnabelkannen, sind für die Archäologen Paradebeispiele für die Entwicklung des neuen Kunststils. Der „Krieger“ von Hirschlanden, zehn Kilometer vom Hohenasperg entfernt, ist die erste lebensgroße Vollplastik nördlich der Alpen. Der fließende Übergang von Figur und Ornament ist dabei typisch für die keltische Kunst.
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Rolf Bidlingmaier:
Leopoldo Retti (1704-1751)
Architektur des Spätbarock und Rokoko im Herzogtum Württemberg und in der Markgrafschaft Ansbach.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 10. Januar 2011

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Leopoldo Retti wurde um 1704 vermutlich in Laino geboren, in der italienisch-schweizerischen Grenzregion zwischen Lugano und Como. Seine Familie gehörte zu der Schar von Wanderkünstlern dieser Region, die als Architekten, Stuckatoren und Bildhauer in weiten Teilen Europas tätig waren. Donato Giuseppe Frisoni, Oberbaudirektor in Ludwigsburg, bildete seine Neffen Leopoldo Retti als Architekten aus; er wurde zum Baumeister ernannt, wobei ihm die Zuständigkeit für den Ausbau der mit dem Schloss neu entstandenen Stadt Ludwigsburg übertragen wurde. Im Jahr 1730 suchte der eben zur Regierung gelangte Markgraf Carl Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach einen jungen Architekten, der die im Bau befindliche Ansbacher Residenz in zeitgemäßen Formen vollenden konnte. Retti ergriff die Gelegenheit und holte nach dem Tod Herzog Eberhard Ludwigs 1733 und der Verhaftung seines Onkels Donato Giuseppe Frisoni und seines Bruders Paolo Retti einige der besten italienischen Kräfte von Ludwigsburg nach Ansbach. Bedeutender noch als das Äußere der Ansbacher Residenz sind die von Leopoldo Retti 1734 bis 1745 geschaffenen Innenräume. Das Ergebnis aus französischen, italienischen und Münchner Elementen bildete das „Ansbacher Rokoko“. Mitte der vierziger Jahre waren die Arbeiten in den Interieurs der Ansbacher Residenz weitgehend abgeschlossen, so dass sich Retti verstärkt anderen Aufgaben zuwenden konnte. Als Leiter des Hofbauamts war er auch für die übrigen Bauten des markgräflichen Hofes zuständig, so für die Sommerresidenz Triesdorf und die Nebenresidenz Unterschwaningen. Die Residenzstadt Ansbach erhielt unter Markgraf Carl Wilhelm Friedrich ihr bis heute vom Spätbarock geprägtes Gesicht. Maßgebenden Anteil daran hatte Leopoldo Retti. Die Zahl seiner Kirchenbauten ist gegenüber den Profanbauten vergleichsweise übersichtlich. Während seiner Ansbacher Zeit war Retti nicht nur für den Markgrafen, sondern auch für andere adelige Bauherren in der Umgebung tätig. Offenbar hatte sich sein Ruf als talentierter Architekt rasch verbreitet. Herzog Carl Eugen von Württemberg beauftragte ihn 1744 mit dem Bau des Neuen Schlosses in Stuttgart. Er stand damals auf dem Höhepunkt seines Schaffens als einer der führenden Architekten Süddeutschlands. Am 18. September 1751 verstarb Leopoldo Retti, gerade 47 Jahre alt; er wurde im Familiengrab in Oeffingen beigesetzt. Durch die Schlossbauten in Stuttgart und Ansbach, aber auch durch die verschiedenen Kirchen- und Profanbauten in Franken gehört Retti mit zu den herausragenden Architekten des Spätbarock und Rokoko in Süddeutschland.

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Albrecht Gühring:
„Alle Victualien werden nach Ludwigsburg getragen.“
Marbacher Märkte in der frühen Neuzeit.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 9. Dezember 2010

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Im vergangenen Jahr feierte Marbach nicht nur Schillers 250.Geburtstag, sondern auch tausend Jahre Marktrecht. Im Jahr 1009 bestätigte Kaiser Heinrich II. Bischof Walter von Speyer den Markt in dem Dorf „Marcpach“. Durch einen Markt wurde das einstige Dorf aus der Reihe der umliegenden Dörfer herausgehoben, die meistens älter und sicher größer waren. Nur wenig erfahren wir vom Markt vor dem großen Stadtbrand 1693, denn die Marbacher Quellenlage ist durch die Vernichtung des alten Stadtarchivs auf Zufallserwähnungen für die Zeit davor beschränkt. Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert wurde der an Walpurgis (1. Mai) abgehaltene Marbacher Markt auch „Maienmarkt“ genannt und war mit dem Martinimarkt (11. November) neben den Wochenmärkten ein Hauptumschlagsplatz der erzeugten und erhandelten Güter.
In den unruhigen Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg war zum Schutz der Einwohner eine Stadtwache eingerichtet worden, die man den „Harnisch“ nannte. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war dessen Aufgabe, in Marktzeiten für Ruhe und Ordnung zu sorgen, bei entstandenen Streitigkeiten zwischen Marktbeschickern und Besuchern einzuschreiten und den Marktmeister, der die Aufstellung der Stände beaufsichtigte, zu unterstützen. Der Marktstandort Marbach wurde jedoch durch den Bau von Schloss und Stadt Ludwigsburg empfindlich geschwächt. Es hatten sobald Ludwigsburg aufgerichtet word[en], sich die Wochenmärkte in der Statt Marbach fast gar verlohren. Wenn der Hofstaat in Ludwigsburg sei, würden alle victualien dahin getragen, sodass in Marbach nichts oder nur Teures zu haben sei. Trotz dieser spürbaren Verlagerung der Wirtschaftsschwerpunkte bewahrte die Stadt Marbach auch im 18. Jahrhundert ihr althergebrachtes Marktrecht, wonach zweimal jährlich ein großer Jahrmarkt sowie einmal wöchentlich der Wochenmarkt gehalten wurden. An jedem Markttag wurde die grüne Marktfahne ausgehängt. Sie zeigte das herzoglich württembergische Wappen und das Marbacher Stadtwappen. Die Bedeutung der Jahrmärkte im 19. Jahrhundert für die hiesige Einwohnerschaft war groß. Die Jahrmärkte waren ausgedehnter als heute. Die beiden Marktmeister konnten damals über 200 Plätze für Marktstände vergeben. Auch hinter dem Rathaus und um die Keltern durften Stände aufgestellt werden. Sehr gut besucht waren auch die Viehmärkte, so wurde um 1900 durchschnittlich rund 1450 Stück Vieh aufgetrieben. Doch schon damals zeichnete sich eine rückläufige Bewegung ab, die schon einige Jahre vorher eingesetzt hatte. Während das 19. Jahrhundert zum Teil noch wachsende Märkte verbuchte, brachte das 20. Jahrhundert die schwindenden Märkte. Der Marbacher Wochenmarkt wurde vor einigen Jahrzehnten reaktiviert und floriert heutzutage wieder, dagegen scheinen die Marbacher Krämermärkte eher an Bedeutung zu verlieren.

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Dr. Erich Viehöfer:

Zwischen Zuchthaus und Samariterheim. Der Ludwigsburger Pfarrer und Schriftsteller Albert Bertsch (1862-1939).

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 11. November 2010.

 
Albert Bertsch wurde am 1. März 1862 in Markgröningen geboren. Er war vier Jahre alt, als sein Vater zum evangelischen Hausgeistlichen an der Strafanstalt Ludwigsburg befördert wurde. In Ludwigsburg besuchte Albert Bertsch das Lyzeum im Gebäude der heutigen Firma Kodweiß. Zur Vorbereitung auf das Theologiestudium ging es zunächst ins Seminar nach Schöntal, zwei Jahre später nach Urach, wo er das „Konkursexamen“ bestand und sich damit für das „Stift“ in Tübingen qualifizierte. Nach seinem Militärdienst in der Mathildenkaserne bezog er im Wintersemester 1881/82 das „Stift“ und begann sein heologiestudium. Seine erste Predigt hielt er, noch als Student, in der Kirche von Pleidelsheim. Ein Jahr später bestand er, nach den üblichen acht Semestern, das Examen. Es folgte die Zeit als Vikar an häufig wechselnden Orten. Als fest angestellter Pfarrer amtierte er mehrere Jahre in Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb, bevor er nach Oppenweiler wechselte. Gaben in Riedlingen die katholische Majorität seiner Arbeit eine besondere Note und in Buttenhausen die jüdischen Mitbürger, so waren es in Oppenweiler die drei Einrichtungen der Inneren Mission. Da war zum einen das „Samariterheim“ auf Burg Reichenberg. Die zweite Einrichtung, Wilhelmsheim, war eine Neugründung, ebenso die dritte Einrichtung, das „Haus der Barmherzigkeit“, das durch seine Vermittlung auf dem Hofgut Staigacker angesiedelt wurde. Heute ist darin ein Alten- und Pflegeheim der Diakonie untergebracht. Die Überlastung durch die drei Anstalten und durch den ausgedehnten Einzugsbereich der Kirchengemeinde veranlasste seine Rückkehr nach Ludwigsburg. Der neue Sprengel, das Königliche Zuchthaus, war vergleichsweise übersichtlich. Albert Bertsch führte den Weihnachtsbaum bei den Weihnachtsfeiern im Zuchthaus ein. Kinder von der „Karlshöhe“ sangen Weihnachtslieder in den Höfen vor den einzelnen Bauten. Die Förderung des Gesangs als Ausgleich für die Schweigegebot der Gefangenen lag ihm besonders am Herzen. Über seine Tätigkeit und seine Erlebnisse als Gefängnispfarrer in Ludwigsburg veröffentlichte er im Steinkopf-Verlag eine ganze Reihe von Büchern. Daneben publizierte Bertsch auch zahlreiche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, angefangen von der „Ludwigsburger Zeitung“ über den „Schwäbischen Merkur“ bis hin zum „Schwarzwälder Boten“. Nach seiner Pensionierung war er Mitglied des Gemeinderats. Am 23. Mai 1939 starb Albert Bertsch in Ludwigsburg. Sein Grab auf dem Neuen Friedhof existiert heute noch.
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Dr. Eberhardt Fritz:
Tiergarten Monrepos – Domäne Seegut.

Vortrag vor dem Historischen Verein Stadt und Kreis Ludwigsburg am 14. Oktober 2010.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Dr. Eberhardt Fritz, der Archivar des Hauses Württemberg, stellte in seinem Vortrag beim Historischen Verein ein unbekanntes Kapitel des Schlosses Monrepos vor, nämlich die Nutzung des Geländes als Tiergarten und als Domäne. Herzog Friedrich II, der spätere König Friedrich I., hatte durch Zukäufe ein großes Jagdrevier geschaffen. Es diente nicht nur der Jagd, sondern auch der Erholung und der Repräsentation, wie die darin befindlichen Gebäude und Anlagen erkennen lassen. Sein Nachfolger, König Wilhelm I., hob den Wildpark bei Monrepos auf. Er hegte eine Passion für die Landwirtschaft und wandelte den größten Teil des Parks in ein Gestüt für Fohlen um. Schon vorher gehörte eine Meierei mit einer Landwirtschaft zum Schloss Monrepos. Wilhelm I. baute die Landwirtschaft systematisch aus und benannte die Domäne in „Seegut“ um. Einen Schwerpunkt bildete die Viehzucht. Der Verkauf von Milch auf den nahen Märkten Ludwigsburg und Stuttgart brachte erhebliche Gewinne. Neben Rindern und Schafen gab es eine Ziegenherde. 1849 gab man die Pferdezucht im Seegut auf. König Karl ordnete bei seinem Regierungsantritt sofort die Wiedereinführung des Namens „Monrepos“ für die Domäne Seegut an. Dies bildete den Auftakt für weitere grundlegende Veränderungen auf dem Gut. Der ehemalige Gestütshof erhielt den Namen „Wilhelmshof“ und wurde verpachtet. Mit der Verpachtung der Domäne Monrepos an die Zuckerfabrik Stuttgart endete ihre Rolle als Mustergut. Im Zuge der stark zunehmenden Industrialisierung gewann die Massenproduktion an Bedeutung. Durch die Aufgabe der Selbstbewirtschaftung und die Verpachtung wurde auch der Betrieb des Gutes Monrepos den veränderten Bedingungen einer neuen Zeit angepasst.

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Dr. Helmuth Mojem: Der Hausheilige.
Schiller-Traditionspflege und Schiller-Bestand im deutschen Literaturarchiv Marbach.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 11. März 2010.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Dr. Helmuth Mojem, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs Marbach und Leiter des Cotta-Archivs, gab in seinem Vortrag beim Historischen Verein einen tiefen Einblick, wie seine Institution mit Schiller umgeht.

Friedrich Schiller ist allgegenwärtig in Marbach. Und trotz Kafka und Döblin bleibt Schiller im Deutschen Literaturarchiv (DLA) der Hauspatron. In Marbach wird seit über hundert Jahren kontinuierlich Schiller gesammelt, Handschriften, Bücher, Dokumente, Zeitungsausschnitte, Bilder, Gegenständliches usw. An Handschriften besitzt das DLA unter anderem äußerst seltene Gedichthandschriften oder Fragmente von unvollendeten Dramen. An Prosamanuskripten sind vor allem Stücke aus der Karlsschulzeit vorhanden. Der Schwerpunkt des Marbacher Schiller-Bestands sind jedoch die Briefe. Diese können im Weimarer Nachlass allenfalls als Konzept oder als Abschrift überdauert haben, da sie von Schiller ja abgeschickt wurden. Von allen Handschriftenarten wird versucht neu auftauchende Stücke hinzu zu erwerben, Schnipsel aus den Dramen-Manuskripten oder den Vorarbeiten dazu, aber auch Briefe, wobei die Spannweite von richtigen Schriftstücken bis hin zu bloßen Briefumschlägen reicht. Außer den Schiller-Handschriften verwahrt das DLA noch zahlreiche weitere Schiller-Dokumente, zum Beispiel Bücher aus seiner Bibliothek, die Rückschlüsse auf seine Lektüre zulassen. Oder Widmungsexemplare, wie die neulich erworbene Erstausgabe der „Maria Stuart“ mit Widmung an den Stuttgarter Kupferstecher Johann Gottfried Müller.

Schließlich besitzt das Archiv noch den gegenständlichen Nachlass Schillers, also Kleidungsstücke, Dinge des täglichen Gebrauchs, Bilder, Erinnerungsstücke. Im Gegensatz zu den Handschriften, wo über ein Jahrhundert hinweg gesammelt wurde, handelt es sich hierbei tatsächlich um den Nachlass, der aus der Familie heraus ins Haus kam, allerdings in mehreren Abschnitten und jeweils aus verschiedenen Zweigen der Schiller’schen Nachkommenschaft. Am Tag der offenen Tür sind diese materiellen Hinterlassenschaften von Schiller ein besonderer Anziehungspunkt der zahlreichen Besucher. Von allen Formen der sekundären Beschäftigung mit Literatur ist der Weg über die originalen Werk- und Lebenszeugnisse des Autors der authentischste, denn er öffnet eine „Hintertür zu diesem geistigen Kosmos“. (e.v.)
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Dr. Herbert Hoffmann: Industrialisierung einer Kulturlandschaft.
Das Strohgäu – Kornkammer und industrielle Vorzeigeregion des Landes.

Vortrag vor dem Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 11. Februar 2010.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Strohgäu: das ist heute ein Begriff in aller Munde, zumindest im westlichen Teil des Landkreises. Es gibt ein „Strohgäu-Sinfonieorchester“, Strohgäuhotels und Strohgäuapotheken und in Hemmingen sind „Strohgäunarren“ unterwegs. Im 20. Jahrhundert war der Begriff „Strohgäu“ zunächst offenbar nur wenig in Gebrauch. Vermutlich war die Zuordnung der Gemeinden des Strohgäus zu zwei Oberämtern (Leonberg und Ludwigsburg) der Ausbildung einer gemeinsamen Identität im Wege.
Das Gäu ist eine landwirtschaftlich intensiv genutzte Gegend, dessen Böden in der Hauptsache aus Löss bestehen. Die fruchtbaren Äcker garantierten überdurchschnittliche Ernten und damit ausreichende bis gute Einkommen für die Bauern. Neben den Äckern waren noch die Obstwiesen von gewisser wirtschaftlicher Bedeutung. Man erntete Mostobst für den eigenen Gebrauch. Höherwertige Sorten für den Handel spielten noch keine Rolle. Das Strohgäu war also zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine blühende, von der Landwirtschaft geprägte Landschaft.
Neue Impulse brachte die Eisenbahn. 1868 wurde die Strecke Zuffenhausen – Ditzingen eröffnet. Schon bald sprach man vom „Milchbähnle“. Am Ditzinger Bahnhof wurde die frische Milch aus den Strohgäu gesammelt und nun per Zug nach Stuttgart gebracht. Der Milch folgten schon bald die Rüben und andere Handelsfrüchte.
Die „Strohgäubahn“ sollte ursprünglich von Zuffenhausen bis nach Pforzheim führen. Die armen Gemeinden des Heckengäus stiegen sehr früh aus, so dass die Bahnlinie in Weissach endet. 100 Jahre später ist sie Zubringerbahn für die S-Bahn und transportiert ausschließlich Menschen. Die Eisenbahn veränderte nicht nur die Struktur der landwirtschaftlichen Produktion. Sie schuf durch regelmäßige Verbindungen auch neue Verdienstmöglichkeiten in der aufstrebenden Industrie.
Aus Handwerksbetrieben entwickelten sich Industriebetriebe. Das „Wirtschaftswunder“ der 1950er Jahre brachte eine ungeahnte Dynamik in die industrielle Entwicklung des Strohgäus. Die maßgeblichen Standortfaktoren hatten sich aber verändert. Nun war nicht mehr allein die Eisenbahn wichtig. Entscheidend wurde der Anschluss an das neue System der Fernstraßen. Große Firmen wie Bosch und Siemens siedelten sich an. Aus der einstigen „Kornkammer Württembergs“ ist die industrielle Vorzeigeregion des Landes geworden.
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Dr. Kai Naumann: Wenn es beim Jagdschloss geblieben wäre. Über Nutzen und Nachteil der Gründung Ludwigsburgs für die benachbarten Dorfgemeinden.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 14. Januar 2010.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Welche möglichen Entwicklungen hätte es ohne Ludwigsburg für die umliegenden Dörfer gegeben, welche Entwicklungen wären unwahrscheinlich gewesen? Ein spannendes Kapitel „ungeschehener Geschichte“ präsentierte Dr. Kai Naumann vom Staatsarchiv Ludwigsburg in seinem Vortrag beim Historischen Verein.
Die neu gegründete Stadt Ludwigsburg profitierte im 18. Jahrhundert ohne Frage von den umliegenden Ortschaften. Für diese Ortschaften ist dagegen ihre Bilanz nicht so eindeutig. Die Akten sind zwar voller Klagen über die Nachteile, über die Schäden und Aufwendungen für das Militär oder über die Nachteile für die Landwirtschaft durch die höfische Jagd. Dem standen aber unzweifelhafte Vorteile gegenüber, wie die Möglichkeit Lebensmittel in der Stadt zu verkaufen und die Gelegenheit dort Lohnarbeiten anzunehmen. Die Nähe zur Residenzstadt schadete offenbar nicht. Die Einwohnerzahl der umgebenden Dörfer stieg und ihr Wohlstand mehrte sich im Vergleich zu den Orten, die in größerer Entfernung von Ludwigsburg gelegen waren. Durch den Bau von Kasernen wurde das Militär ein wichtiger Kunde und Auftraggeber für Handwerker; es bot auch jungen Männern aus den umliegenden Dörfern eine lohnende berufliche Perspektive. Ebenfalls positiv ist das Resümee im Bereich der Bildung: Ohne die Gründung und den Aufstieg zur Residenz und Amtsstadt wäre der Ludwigsburger Boden nicht zur Wiege einer solchen Vielzahl von Intellektuellen geworden, von denen Mörike, Kerner, Strauß oder Vischer nur die bekanntesten sind.
Wie aber hätte die heutige Gemarkung Ludwigsburg bei einer solchen alternativen Entwicklung ausgesehen? Vielleicht bestände sie heute noch überwiegend aus fruchtbarem Bauernland. Der Bahnhof wäre wohl viel weiter westlich zwischen Pflugfelden und Eglosheim gebaut worden, wovon dann beide Gemeinden profitiert hätten, während das abgelegenere Oßweil eine eher zögerliche Entwicklung genommen hätte. Neckarweihingen und Poppenweiler wären heute vielleicht Ortsteile von Marbach. Ohne die Gründung der Stadt sieht diese hypothetische Welt insgesamt etwas stiller und provinzieller aus als die Realität.

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Albrecht Gühring: Beschienen oder geblendet? Pflugfelden und Poppenweiler im Spiegel der ersten Ludwigsburger Jahre.

Vortrag am 10.12.2009 beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg.

Zusammenfassung von Dr. Erich Viehöfer

Albrecht Gühring, Stadtarchivar von Marbach, untersuchte in seinem Vortrag beim Historischen Verein
die unterschiedlichen Auswirkungen der Gründung Ludwigsburgs anhand der Dörfer Pflugfelden und Poppenweiler. Die beiden heutigen Stadtteile von Ludwigsburg waren grundverschieden:
Pflugfelden, ursprünglich zum Amt Markgröningen gehörig, war am Ende des Dreißigjährigen Krieges menschenleer und musste mühsam wieder aufgebaut und besiedelt werden. Nur wenige Neubürger siedelten sich an. Trotzdem mussten die Pflugfelder bereits 1708 und 1709 rund 35 Gulden als sog. Ludwigsburger „Schantzgelder“, eigentlich Steuern zum Erhalt und zur Ausbesserung von Festungen, mehrmals aufbringen. In der Bürgermeisterrechnung werden unter den Pflugfelder Ausgaben Ludwigsburger Gartenbaukosten, darunter auch die Stellung von Wagen und Pferden, für insgesamt acht Gulden abgerechnet. Sogar eine eigene Rechnungsrubrik wurde in der Bürgermeisterrechnung Pflugfelden 1719/20 aufgeführt für die herrschaftlichen Posten, also Postdienste, die man für Ludwigsburg leisten musste. Wirtschaftliche Vorteile konnte Pflugfelden durch die Nähe zu Ludwigsburg nicht erlangen, denn die Steuerschätzung fand vor Ort keinerlei Wein- oder Viehhandel. Auch Gastwirtschaften gab es keine in Pflugfelden. Unter den damals 22 Bürgern und sechs Witwen fanden sich an Handwerkern nur ein Schmied und ein Leineweber. Das Gemeindeleben scheint von der neuen Residenz nicht sehr beeinflusst worden zu sein. Lediglich das vermehrte Auftreten von Soldaten, die hin und wieder Unfug trieben, war bemerkbar. Anders war die Situation bei dem Dorf Poppenweiler, ursprünglich zum Amt Marbach gehörig, das an Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft das kleine Pflugfelden um ein Vielfaches übertraf. Poppenweiler besaß 178 Morgen an Weinbergen, florierende Gastwirtschaften und zahlreiche Handwerker. Erbittert kämpften Marbach und Ludwigsburg mit Eingaben und Geldzahlungen um das relativ wohlhabende Poppenweiler. Erst Herzog Carl Eugen entschied 1762 endgültig zugunsten des Amtes Ludwigsburg. Es dauerte aber dann noch mehr als 200 Jahre bis Poppenweiler von der Stadt Ludwigsburg eingemeindet wurde. 


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